Menschen warten vor dem Flughafen in Afghanistans Hauptstadt Kabul | AP

Lage am Kabuler Flughafen Verzweifeltes Warten auf Platz im Flieger

Stand: 25.08.2021 18:19 Uhr

Der 31. August als geplantes Abzugsdatum der US-Soldaten rückt näher - und damit steigt die Anspannung bei den Afghanen, die das Land verlassen wollen. Denn für viele sind die Aussichten weiter schlecht.

Von Peter Hornung, ARD-Studio Neu-Delhi

Sie wollen von diesem Ort nicht weg, sie wollen raus aus ihrem Land. Immer noch stehen tausende Menschen vor dem Flughafen, selbst die andauernden Schüsse über ihre Köpfe hinweg können sie nicht davon abhalten. Die Angst vor den Taliban scheint größer als die vor den Kugeln, die sie treffen könnten. Diese Aufnahmen sind vom kurdischen TV-Sender Rudaw, die Reporterin sagt:

Sie versuchen die Leute auseinanderzutreiben, aber sie sind nicht bereit. Sie alle wollen Afghanistan jetzt verlassen.
Peter Hornung ARD-Studio Neu-Delhi

Sie, das sind Sicherheitskräfte der Taliban und US-Soldaten. Die neuen Machthaber in Afghanistan haben gestern gesagt, dass sie die Zufahrtsstraße zum Flughafen blockieren wollten, damit nur noch Ausländer dorthin gelangen könnten. Viele Menschen vor dem Flughafen sind aber schon seit Tagen dort und warten verzweifelt darauf, dass sich die Tore öffnen und sie auf das Gelände gelassen werden. Und viele von ihnen werden niemals auf die andere Seite der dicken Mauern kommen können, sie stehen nicht auf den Passagierlisten.

Und die, die darauf stehen, schaffen es gerade nicht, zu den Toren zu gelangen - so wie Amir. Das ist nicht sein richtiger Name, aber er hat für die Bundeswehr gearbeitet: "Es waren zu viele Leute, und die Soldaten waren total gestresst.  Und sie konnten die Leute nicht mehr kontrollieren, dann haben die Blendgranaten eingesetzt. Das war ein Desaster, die Leute haben sich gegenseitig überrannt. Kinder sind auf den Boden gestürzt, und die Eltern konnten sie nicht mehr aufheben."

Hilferufe via WhatsApp

Ein Durchkommen, auch für die, die eigentlich dürften, ist an den Toren kaum machbar. Und je näher der Termin rückt, dass die Luftbrücke abbricht, desto mehr steigt die Anspannung. Bei allen Menschen, die raus wollen - auch bei denen, die weit weg sind vom Kabuler Flughafen. Wie in Masar-i-Scharif, wo die Bundeswehr stationiert war. Dort leben noch immer ehemalige Ortskräfte der deutschen Truppen und Ortskräfte.

Die Ehefrau eines Kochs, der in der Truppenküche gearbeitet hat, fleht per WhatsApp-Nachricht um Hilfe: "Das Leben meines Mannes ist in Gefahr. Jeder in unserem Viertel weiß, dass er für die Deutschen gearbeitet hat. Alle fragen ständig, warum wir nicht das Land verlassen. Ich wünschte, er hätte nie für die Deutschen gearbeitet. Wenn die Taliban oder der 'Islamische Staat' meinen Mann verschleppen, gibt es keinen mehr, der mich und meine Kinder versorgen kann. Ich habe schon meine Eltern verloren, ich will nicht auch noch meinen Mann verlieren."

Helfer und Organisationen bleiben zurück

An dem Abzugsdatum 31. August werden die USA wohl festhalten müssen. Dann werden die US-Soldaten das Land verlassen. Die letzten Flieger mit ehemaligen Ortskräften, die aus Afghanistan herausgebracht werden sollen, müssen schon wenige Tage vorher raus. Die Bundeswehr könnte schon am Donnerstag oder Freitag den letzten Flug antreten. Das bedeutet, dass auch Helfer der deutschen Truppen oder Organisationen dann in Afghanistan zurückbleiben werden.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 25. August 2021 um 12:22 Uhr.