Afganische Binnenflüchtlinge im Azadi-Park in Kabul | AP

Binnenflüchtlinge in Afghanistan Obdachlos und verzweifelt

Stand: 11.08.2021 10:36 Uhr

In Afghanistan haben die Taliban inzwischen neun Provinzhauptstädte unter ihre Kontrolle gebracht. Zehntausende sind auf der Flucht. Viele von ihnen stranden in Kabul.

Von Peter Hornung, ARD-Studio Neu Delhi

Der Azadi-Park, eine langgezogene schmale Grünfläche im Zentrum von Kabul. Hunderte Menschen haben hier ihr Lager aufgeschlagen. Auch Nadia. Mit ihren acht Kindern ist die 39-Jährige aus Talokan geflohen, der Hauptstadt der nordafghanischen Provinz Takhar, die die Taliban vor zwei Tagen eingenommen haben. "Ich konnte nur meine Kinder mitbringen und bin mit nichts hierhergekommen", erzählt sie. "Die Taliban haben unser Haus als Basis benutzt. Wir haben dort alles verloren. Alles wurde verbrannt. Wir bitten die Regierung, uns zu helfen. Meine Söhne sind noch klein. Ich bin Witwe. Ihr Vater wurde bei den Kämpfen mit den Taliban getötet."

Peter Hornung ARD-Studio Neu-Delhi
Nadia mit blauer Burka mit ihren Kindern | Hesamudin Hesam / ARD

Nadia mit ihren acht Kindern. Ihr Mann wurde von den Taliban getötet Bild: Hesamudin Hesam / ARD

Auch Naser ist hier mit seiner Familie gestrandet, mit seiner Frau und seinen drei Kindern. Eine seiner Töchter hat Leukämie, jetzt liegen sie hier im Park. Er kommt aus Kundus, das ebenfalls am Wochenende fiel. Er habe für die Deutschen gearbeitet, sagt Naser, bis zu diesem Jahr. Nun sei er vor der Vergeltung der Taliban geflohen, "weil sie wussten, dass ich mit den Deutschen zusammenarbeite. Also habe ich Kundus verlassen, um nicht umgebracht zu werden. Wir sind weg aus Angst vor den Taliban".

"Die Stadt Kundus stand in Flammen"

Nach langer Suche hatte Naser für sich und seine Familie ein Taxi gefunden, das sie nach Kabul brachte. 700 Afghani musste er für jeden zahlen, gut sieben Euro. Für ihn viel Geld. Bis Ende April noch waren deutsche Soldaten in Kundus eingesetzt. Jetzt ist es in der Hand der Radikalislamisten. "Die Stadt Kundus stand in Flammen. Die Geschäfte in der Nähe des Hauptplatzes brannten. Die Taliban hatten Kontrollpunkte auf dem Weg. Sie haben uns nicht allzu sehr geärgert, weil es Nacht war."

Flüchtling Naser aus Kundus mit einem seiner Kinder, das an seiner Seite schläft. | Hesamudin Hesam / ARD

Naser arbeitete in Kundus für die Deutschen. Nun hat er Angst vor der Vergeltung der Taliban. Bild: Hesamudin Hesam / ARD

Nasers Frau mit zwei der drei Kinder | Hesamudin Hesam / ARD

Bild: Hesamudin Hesam / ARD

Naser hatte sich zwar als ehemalige Ortskraft um ein Visum für Deutschland bemüht. Da er seinen Arbeitsvertrag aber mit einem Subunternehmen geschlossen hatte, hatte er keine Chance.

Karte von Afghanistan mit Kabul, Kandahar, Laschkargah, Herat, und Kundus

Zurückgelassen wie ein "Straßenköter"

Doch auch Zalmai sitzt in Kabul fest, in einem sicheren Unterschlupf, einem Safe House, mit 200 weiteren Bundeswehr-Helfern. Der frühere Übersetzer hätte eigentlich Anspruch auf ein Visum. Doch er habe seinen Pass dafür abgegeben - und seither nichts mehr gehört.

"Sie haben mich hier eingeklemmt. Ich kann nicht aus dem Land raus", sagt Zalmai. "Ich war Augen und Ohren von Spezialeinheiten. Jetzt haben sie mich wie einen Straßenköter einfach zurückgelassen. Das ist echt irre."

Zalmai ist aus Masar-i-Scharif gekommen, da wo die Bundeswehr erst Ende Juni abgezogen ist, aus dem großen Feldlager, Camp Marmal. Jetzt wird in der Umgebung der größten Stadt Afghanistans schon heftig gekämpft. Überhaupt sind die Taliban fast überall im Land auf dem Vormarsch.

Neun Provinzhauptstädte unter der Kontrolle der Taliban

Die beiden Provinzhauptstädte Farah im Westen Afghanistans und Pol-i-Khomri im Norden fielen seit gestern Abend an die Taliban. In der Nacht ist auch Faizabad im Nordosten nach langem Widerstand gefallen - damit kontrollieren die Taliban nun die Hauptstädte von neun der 34 afghanischen Provinzen. Zehntausende Menschen sind im Moment auf der Flucht, insgesamt wurden schon Hunderttausende innerhalb Afghanistans vertrieben.

Und so wird der Azadi-Park in den nächsten Tagen wohl noch voller werden. Denn viele Flüchtlinge strömen nach Kabul. Naser, der Mann aus Kundus, hat eine klare Botschaft: "Wir fordern die Taliban auf, sich mit der Regierung zusammenzutun, damit wir Frieden und Stabilität haben und all das Elend und die Probleme des Lebens hinter uns lassen können."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 11. August 2021 um 06:50 Uhr.