Taliban-Sprecher Zabihullah Mujahid spricht auf seiner ersten Pressekonferenz in Kabul | AP

Pressekonferenz der Taliban "Kein Groll gegen irgendjemanden"

Stand: 17.08.2021 19:09 Uhr

In Afghanistan lebt die Bevölkerung nach der Machtübernahme der Taliban in Unsicherheit. Derzeit scheinen die Islamisten vor allem den Eindruck von Normalität erwecken zu wollen - sie verkündeten das Endes des Krieges und eine allgemeine Amnestie.

Nach ihrer Machtübernahme in Afghanistan haben sich die islamistischen Taliban zum ersten Mal offiziell zu Wort gemeldet. Bei einer Pressekonferenz in Kabul verkündete der Taliban-Sprecher Sabihullah Mudschahid das Ende des Krieges und eine allgemeine Amnestie. Das "islamische Emirat", wie die Taliban das Land nun nennen, hege keinen Groll gegen irgendjemanden. "Jedem ist verziehen." Man wolle keine Feinde im In- oder Ausland, und es werde keine Vergeltungsaktionen geben.

Er versicherte zudem, dass Frauenrechte im Einklang mit dem islamischen Recht gewahrt würden. Da die afghanischen Frauen Muslimas seien, würden sie auch froh sein, innerhalb des Rahmens der Scharia zu leben, sagte der Sprecher. Auch private Medien sollten "unabhängig" arbeiten dürfen, solange sie nicht die "nationalen Werte" untergrüben. Mudschahid versicherte zudem, dass Afghanistan niemandem Unterschlupf gewähren werde, der versuche, anderen Nationen zu schaden - eine Anspielung auf die Terrorgruppe Al Kaida, der Afghanistan in der Vergangenheit als Rückzugsgebiet gedient hatte.

Taliban-Vize zurück in Afghanistan

Einer der Mitbegründer der Taliban, Mullah Abdul Ghani Baradar, hat nach Angaben der Islamisten Katar verlassen und ist nach Afghanistan zurückgekehrt. Baradar ist Vizechef der Taliban und leitete bisher ihr politisches Büro in Katar. In letzter Funktion war er maßgeblich in die seit langem stockenden Friedensverhandlungen in dem Emirat eingebunden.

Er traf sich vor seiner Abreise mit dem katarischen Außenminister Scheich Mohammed bin Abdulrahman Al Thani, wie aus einer offiziellen Erklärung hervorging. Sie hätten jüngste sicherheitspolitische und politische Ereignisse in Afghanistan erörtert. Dabei hätten sie auch betont, wie wichtig der Schutz dortiger Zivilisten sei. Zudem seien sie sich einig, dass Bemühungen um eine nationale Aussöhnung in Afghanistan forciert und auf eine umfassende politische Einigung sowie eine friedliche Übergabe der Macht hingearbeitet werden müsse.

Taliban übernehmen Behörden und Ministerien

In Afghanistan arbeiten die Taliban nun augenscheinlich an einer geordneten Übernahme der wichtigsten Schaltstellen des Landes, etwa Behörden und Ministerien. Regierungsangestellte seien ihrem Aufruf gefolgt, die Arbeit wieder aufzunehmen, sagte ein Beamter eines Ministeriums, der namentlich nicht genannt werden wollte, der Nachrichtenagentur dpa. Es seien viele seiner Kollegen zur Arbeit gekommen, aber keine Frauen. Die Islamisten hätten Listen der Angestellten und würden nur jenen Zutritt erlauben, die auf der Liste stünden.

Lokale Medien veröffentlichten Fotos, auf denen zu sehen war, dass auch Verkehrspolizisten wieder zu ihrer Arbeit zurückkehrten. Bewohner von Kabul sagten, Geschäfte seien wieder vermehrt geöffnet und Menschen auf der Straße. Ein Bewohner des Viertels Pul-e Sorch sagte, die Taliban würden über Lautsprecher-Autos die Menschen aufrufen, sie ohne Angst zu akzeptieren. Alles sei normal, sie alle seien Brüder und sie würden für Sicherheit in der Stadt sorgen.

Fernsehmoderatorin führt durchs Programm

Überrascht zeigten sich Bewohner der Stadt darüber, dass der populäre Fernsehsender ToloNews seine bekannte Moderatorin durch das Programm führen ließ, die auch einen Taliban-Vertreter interviewte. Der Nachrichtenchef des Senders, Miraqa Popal, wies darauf auf Twitter hin. ToloNews schickte auch eine Reporterin durch Kabul, um live über die Situation in der Stadt zu berichten. Beide trugen weder Burka noch Niqab, waren also nicht voll verschleiert.

Ein Taliban-Sprecher äußerte sich in einem Fernsehinterview zur Haltung der Islamisten zu Frauen. Sie könnten auch in Zukunft "Bildung und höhere Bildung in Anspruch nehmen", das bedeute auch Universitäten, sagte er dem britischen Sender Sky News. Die Frage, ob Frauen in Afghanistan sich künftig verschleiern und Burka tragen müssten, verneinte der Sprecher. Ein Hijab, also ein Kopftuch, würde hingegen erwartet.

Angst vor Rache der Taliban

Auch wenn die Führer der Taliban versuchen, einen Eindruck von Normalität und Sicherheit in Kabul zu vermitteln, leben viele Menschen seit der Machtübernahme in Angst. Der ehemalige Afghanistan-Korrespondent der ARD, Gabor Halasz, schildert, was er aus Kabul hört: Die Menschen vor Ort wüssten nicht, wie es nun weitergehe. Weniger Frauen seien auf der Straße zu sehen.

Mit Blick auf die angekündigte Amnestie sagte Halasz, die Taliban könnten viel versichern, die Leute glaubten ihnen nicht. Man müsse jederzeit mit Gewalt rechnen, denn die lokalen Taliban-Führer würden vor Ort über ihr Vorgehen entscheiden, möglicherweise auch unabhängig von den Versicherungen des Taliban-Sprechers auf der Pressekonferenz. Seiner Eintschätzung nach würden die Taliban nach Menschen suchen, die in der Vergangenheit mit ausländischen Kräften zusammengearbeitet hätten. Viele würden daher Nachrichten und Fotos löschen, die als Beweise für ihre Tätigkeit dienen könnten.

Berichte über Zwischenfälle

In den vergangenen Tagen hatte es bereits Berichte über Sicherheitszwischenfälle in Kabul gegeben. Taliban-Kämpfer sollen sich Zutritt zu Wohnhäusern verschafft und Autos mitgenommen haben. Gleichzeitig sagten mehrere Bewohner Kabuls, dass einfache Kriminelle die Ankunft der Taliban ausnutzten und wohl vorgäben, Taliban zu sein.

Eine dem Taliban-Vizechef Mullah Jakub zugeschriebene Audiobotschaft, die ToloNews veröffentlichte, enthält eine Warnung an Taliban-Kämpfer, unter keinen Umständen Privathäuser zu betreten oder Fahrzeuge mitzunehmen. Sollte dies ein Beamter oder eine Einzelperson tun, sei das ein "Verrat am System" und man ziehe sie zur Rechenschaft.

Vor allem Menschen, die für die Regierung oder Ausländer gearbeitet haben, sorgen sich, dass die Taliban zu ihnen nach Hause kommen und sich an ihnen rächen oder plündern könnten. Diese Menschen können das Land derzeit nicht verlassen, weil die Taliban afghanische Staatsbürger nicht ausreisen lassen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 17. August 2021 um 20:00 Uhr.