Taliban-Kämpfer patrouillieren auf einem Markt in der Altstadt in Kabul. | picture alliance/dpa/AP
Reportage

Neue Machthaber in Afghanistan Unterwegs mit der Taliban-Polizei

Stand: 01.10.2021 10:39 Uhr

Weniger Anschläge, weniger Kriminalität, weniger Korruption - auf Patrouille mit der Taliban-Polizei ist viel Zustimmung der Bevölkerung für die neuen Machthaber zu vernehmen. Doch hinter vorgehaltener Hand sieht das anders aus.

Eine Reportage von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu-Delhi, zzt. Kabul

Die Wache im Polizeidistrikt Nummer 10, in Kabul. "Diese Polizeistation wurde mit öffentlichen Geldern der Bundesrepublik Deutschland finanziert", steht auf Deutsch in Großbuchstaben auf einem Schild. Dazu können die Taliban-Polizisten hier allerdings nichts weiter sagen, die Wache wurde vor rund 18 Jahren aufgebaut, da waren die meisten von ihnen noch Kinder. Die Taliban-Polizisten wollen lieber zeigen, wie gut sie für die Sicherheit in der Hauptstadt sorgen - auf Patrouille. 

Silke Diettrich ARD-Studio Neu-Delhi

Zwei Polizisten sitzen auf der Pritsche hinten auf dem Pick-Up, den zuvor die Sicherheitsleute der ehemaligen Regierung gefahren haben. Die neuen Taliban-Polizisten vermummen ihre Köpfe in Tüchern, die Maschinenpistolen immer am Anschlag. "Mit der Gnade Gottes ist es hier nun viel sicherer geworden", sagt Polizeioffizier Mohammad Abid. "Seitdem wir die Macht übernommen haben, gibt es keine Diebstähle mehr und die Leute auf den Straßen freuen sich, wenn sie uns sehen."

Vor Kurzem noch Untergrundkämpfer, jetzt Polizist

Abid trägt die Taliban-Flagge als Band um seine Stirn gebunden: weißes Tuch, darauf in schwarzer Schrift das islamische Glaubensbekenntnis. Noch vor wenigen Monaten war Abid Dschihad-Kämpfer im Untergrund, nun fährt er zwölf Stunden am Tag als Polizist durch die Hauptstadt. Quer durch die Straßen Kabuls, in denen Taliban-Kämpfer noch vor Kurzem selbst Anschläge verübt hatten.

Der Polizei-Pick-Up hält an einem Markt im Zentrum der Stadt an, die Polizisten springen ab und laufen durch das dichte Gedränge. Die Obstverkäufer schieben ihre Karren durch die engen Gassen. Die Taliban-Polizisten mit ihren einsatzbereiten Waffen direkt neben ihm, sagt Fahim Hussaini vor seinem Gemüsestand:

Wir haben nun endlich Frieden in unserem Land. Bevor die Taliban an der Macht waren, haben Diebe hier überall Handys gestohlen, das traut sich nun keiner mehr. Jetzt können wir entspannt in unserer Stadt herumlaufen, das ging früher nicht.

Weniger Kriminalität unter den Taliban?

Fast alle Obst- und Gemüsehändler stimmen bei. Früher verabschiedeten sie sich fast jeden Morgen so von ihren Familien, als sei es das letzte Mal. Zu oft hatte es an sämtlichen Ecken in der Stadt Attacken und Explosionen gegeben. Einsatzleiter Ashraf Toofan von der Taliban-Polizei nickt zufrieden bei diesen Antworten: "Die Kriminellen werden ja nun bei uns im Namen der Scharia verurteilt. Unsere Gesetze, das Gericht und unsere Richter werden sich nun komplett an das islamische Recht halten."

Das ist die eine Wahrheit, vor der sich in der Tat viele im Land nun fürchten. Sicherheit und Frieden eingetauscht gegen ein totalitäres Regime. Sobald die Taliban-Polizisten außer Sichtweite sind, trauen sich die Ladenbesitzer, ein wenig offener zu reden: "Wir haben alle Angst vor den Taliban", sagt Mustaq. Er betreibt einen Handy-Laden hier auf dem Markt: SIM-Karten, Kopfhörer oder Kabel verkauft er in seinem kleinen Laden. "Jeden Moment können wir hier verhaftet werden von den Taliban, egal aus welchem Grund."

Menschen verschwinden plötzlich

Darüber reden die Taliban-Polizisten nicht. Wer neuerdings in den Gefängnissen steckt, erfährt man nur hinter vorgehaltener Hand. Nergis - das ist nicht ihr richtiger Name, den will sie nicht preisgeben - erzählt von ihrem Vater: "Er ist aus dem Haus gegangen am Morgen, wie sonst auch. Aber dann hat er sich stundenlang nicht mehr gemeldet. Wir haben uns große Sorgen gemacht. Niemand konnte ihn erreichen, alle haben versucht, ihn zu finden - keine Chance."

Nergis schluckt ihre Tränen hinunter. Sie sitzt auf einem Hoteldach in Masar-i-Scharif. Hierhin in den Norden von Afghanistan ist sie mit ihrer Mutter und ihrer kleinen Schwester geflohen, raus aus Kabul. Aus Angst vor den Taliban, die mutmaßlich ihren Vater verschleppt haben: Ein Journalist, Parteimitglied und Verwalter des Nationalarchivs.

Freiheit gegen Lösegeld

Die Taliban hätten nie zugegeben, ihren Vater verhaftet zu haben, seien aber fast jeden Tag zur Wohnung gekommen, um nach Dokumenten und Unterlagen zu fragen. Daraufhin seien sie geflohen, die beiden Schwestern und die Mutter, die nun seit fast drei Wochen in einem kleinen Hotelraum zusammenkauern:

Wir wollen meine kleine Schwester schützen. Ich darf nicht weinen, damit sie sich keine Sorgen macht. Was sollen wir machen?

Nach langen Tagen und Nächten habe sich ihr Vater nun endlich gemeldet, schreibt Nergis jetzt über WhatsApp. Er sei im größten Gefängnis des Landes, im Osten Kabuls. Die Taliban hielten ihn gefangen, 12.000 Dollar Lösegeld forderten sie. Dann käme er frei. Nergis' Familie hofft, dass sie alle bald das Land gemeinsam verlassen können. 

Kaum öffentliche Kritik

Die Taliban-Polizei in Kabul weist sämtliche Fragen zu Gefangenen ab. Das sei nicht in ihrer Hand. Lieber verweisen die neuen Polizisten darauf, wie schlecht die vorherige Regierung mit Kriminellen umgegangen sei: Die Polizisten früher hätten sich schmieren lassen, sagt der neue Polizeioffizier Ashraf Toofan. "An einem Tag haben sie jemanden verhaftet und am nächsten haben sie ihn laufen lassen."

Nach außen brüsten sich die Taliban damit, dass sie das Land nun endlich von der Korruption befreit hätten. Hilfsorganisationen halten dagegen und klagen die neuen Machthaber an, gegen Menschenrechte zu verstoßen. Aber derzeit traut sich fast niemand mehr in Afghanistan, sich öffentlich darüber zu beklagen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 01. Oktober 2021 um 07:47 Uhr.