Ein bewaffneter Polizist in Ghasni. (Archivbild: 03.06.2021)

Kämpfe in Afghanistan Taliban erobern Provinzhauptstadt nahe Kabul

Stand: 12.08.2021 09:57 Uhr

Auf ihrem Eroberungszug in Richtung der afghanischen Hauptstadt Kabul haben die Taliban mit Ghasni eine weitere Stadt eingenommen. Hunderttausende Menschen fliehen vor den Kämpfen. Nun will der türkische Präsident Erdogan vermitteln.

Die radikalislamischen Taliban haben die afghanische Provinzhauptstadt Ghasni nur 150 Kilometer vor den Toren Kabuls erobert. Sie "haben die Kontrolle über die wichtigsten Bereiche der Stadt erlangt", sagte der Vorsitzende des Provinzrates, Nassir Ahmed Fakiri, der Nachrichtenagentur AFP.

Im Süden des Landes stehen die Taliban kurz davor, die Stadt Laschkarga einzunehmen. Sie übernahmen die Kontrolle eines Polizeireviers in der Hauptstadt der Provinz Helmand, die als Taliban-Kerngebiet gilt. Am Mittwoch hatte ein Selbstmordattentäter in Laschkarga mit einer Autobombe das Polizeirevier angegriffen. Einige Polizisten hätten sich nach heftigen Kämpfen den Angreifern ergeben oder seien in das nahe gelegene Büro des Gouverneurs geflohen, das sie weiter verteidigten, sagte die Abgeordnete Nassima Niasi. Es habe noch einen weiteren Autobombenangriff auf das örtliche Gefängnis gegeben, dieses sei aber noch in der Hand der afghanischen Sicherheitskräfte. In anderen Städten war es den Taliban gelungen, Hunderte ihrer Mitstreiter aus Gefängnissen zu holen.

Niasi berichtete von schweren Luftangriffen der Regierung auf Laschkarga mit vermutlich vielen zivilen Opfern. "Die Taliban nutzten die Häuser von Zivilisten, um sich zu schützen. Und die Regierung verübte Luftangriffe, ohne sich um die Zivilisten zu kümmern", sagte sie. Weil die afghanische Luftwaffe kaum dazu imstande ist, wird davon ausgegangen, dass US-Kampfflugzeuge teilweise für die Luftangriffe verantwortlich sind. Das Zentralkommando der US-Luftwaffe in Katar reagierte bislang nicht auf Anfragen.

Parallel zum rasch fortschreitenden Abzug der US- und anderer NATO-Truppen aus Afghanistan hatten die Taliban in den vergangenen Monaten große Teile des Landes erobert. Die Miliz kontrolliert inzwischen mehr als ein Viertel der Provinzhauptstädte in Afghanistan.

Erdogan will Treffen mit Taliban-Chef

"Die jüngsten Entwicklungen und die Lage der afghanischen Bevölkerung sind wirklich sehr beunruhigend", sagte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan dem TV-Sender CNN Türk. Er wolle deshalb mit der Taliban-Führung über eine Deeskalation in Afghanistan beraten. "Vielleicht werde ich sogar in der Lage sein, die Person zu treffen, die ihr Anführer ist", sagte er.

Erdogan hatte zuvor bereits angekündigt, Gespräche mit den Taliban über die Sicherung des Kabuler Flughafens zu führen. Ankara hatte sich grundsätzlich bereit erklärt, den internationalen Flughafen nach dem vollständigen Abzug der internationalen Truppen aus dem Land abzusichern. Die Türkei fordert aber diplomatische, finanzielle und logistische Unterstützung der USA. Die Verhandlungen zwischen Ankara und Washington dauern an.

Flüchtlinge werden auch nach Deutschland kommen

Angesichts der sich zuspitzenden Lage in Afghanistan erwartet der Staatsminister im Auswärtigen Amt, Niels Annen (SPD), eine steigende Zahl von Flüchtlingen aus der Region auch in Europa und Deutschland. "Es ist naiv zu glauben, dass der Vormarsch der Taliban und die Gewalt in der Kriegsregion keine migrationspolitischen Folgen hat" , sagte Annen den Zeitungen der Funke Mediengruppe. "Die Auswirkungen werden wir auch in Deutschland spüren, wenn auch noch nicht in den kommenden Wochen", fügte der Staatsminister hinzu.

Deutschland sei für Afghanen "ein attraktives Zielland", hob Annen hervor. Das habe auch damit zu tun, dass bereits eine große afghanische Community in Deutschland lebe. Wegen der eskalierenden Gewalt hatte die Bundesregierung am Mittwoch Abschiebungen nach Afghanistan ausgesetzt.

Derzeit machten sich Hunderttausende afghanische Flüchtlinge aber vor allem nach Kabul oder aber in die Nachbarstaaten Iran und Pakistan auf, erklärte Annen weiter. "Hier muss die internationale Gemeinschaft helfen, die Geflüchteten vor Ort in den Nachbarländern und in den sicheren Regionen Afghanistans bestmöglich zu versorgen", so der SPD-Politiker.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 12. August 2021 um 09:00 Uhr.