Screenshot eines Portraits von Nazar Mohammad Khasha | https://www.facebook.com/pg/FarandArts/posts/?ref=page_internal

Afghanistan Mord an einer "Stimme der Wahrheit"

Stand: 29.07.2021 12:33 Uhr

Ein Mord erschüttert Afghanistan. Der beliebte Comedian Khasha Zwan wurde von den Taliban entführt und brutal getötet. Die Tat zeigt, wie rücksichtslos die radikalen Islamisten in von ihnen eroberten Gebieten vorgehen. 

Von Peter Hornung, ARD-Studio Neu-Delhi

Es ist ein Video, das wohl die letzten Minuten im Leben des Comedian zeigt. Seit Anfang der Woche wurde es vieltausendfach in sozialen Medien geteilt. Khasha Zwan sitzt auf der Rückbank eines Autos, eingeklemmt zwischen zwei jungen Taliban mit Kalaschnikows. Sie grinsen, sind offenbar stolz. Der Komiker macht eine ironische Bemerkung über ihre Bärte, seine letzte wohl. "Halt die Klappe! Du Gauner!", ruft einer der Taliban, schlägt dem Gefangenen ins Gesicht. "Khasha, er ist Khasha", sagt ein Anderer. Man solle ihn festhalten, er dürfe bloß nicht abhauen.

Peter Hornung ARD-Studio Neu-Delhi

Das nächste Bild, das existiert, ist das des toten Komikers. Die Taliban haben ihn mit den Armen gestreckt an einem Baum hochgezogen, ihm dann die Kehle durchtrennt.

Screenshot eines Portraits von Nazar Mohammad Khasha | https://twitter.com/AminollahFaisal/status/1420034746000846858

Seit dem Mord an Khasha Zwan werden Zeichnungen von ihm vielfach in den sozialen Netzwerken geteilt - ein Ausdruck der Verehrung und Erschütterung zugleich. Bild: https://twitter.com/AminollahFaisal/status/1420034746000846858

Eine Bluttat, die das ganze kulturelle Leben trifft

Khasha Zwan: ein schmales, faltenreiches Gesicht mit markanter Nase und breitem Oberlippenbart. Er war ein beliebter Künstler in seiner Heimat Kandahar und in ganz Afghanistan. Der afghanische Schriftsteller Taqi ist schockiert. Das Video habe ihm das Herz gebrochen, sagt er: "Das war auch ein Schlag ins Gesicht für die Kunst, die Kultur, die freie Rede, die Menschenwürde und jeden anderen Wert. Die Menschen haben ihn geliebt, weil er die Wahrheit aussprach und eine Stimme für sie war."

Tatsächlich gibt es immer mehr Berichte über Gräueltaten in den Gebieten, die von Taliban eingenommen werden. In Orten der Provinz Kandahar, wo auch der Comedian getötet wurde, sollen sie von Tür zu Tür gegangen sein, um diejenigen zu finden, die für die Regierung in Kabul gearbeitet haben. Im Einzelnen ist das schwer zu überprüfen, doch in der Summe ergibt sich ein Bild.

Immer mehr zivile Opfer

Bei dem Bürgerkrieg zwischen Taliban auf der einen Seite und Regierungstruppen und Milizen auf der anderen Seite kommen immer mehr Zivilisten um - einem aktuellen UN-Bericht zufolge so viele wie noch nie.

Die Menschenrechtsbeauftragte der UN-Mission in Afghanistan, Fiona Frazer, richtete am Montag einen Appell an die Konfliktparteien. "Wir brauchen wirklich eine Deeskalation der Gewalt, sonst könnten wir nach den aktuellen Prognosen, die wir dokumentiert haben, in Afghanistan für das gesamte Jahr 2021 eine Rekordzahl von getöteten und verletzten Zivilisten erleben."

Wachsende Angst vor Niederlage der Regierungstruppen

Die Angst vor der vollständigen Machtübernahme der Taliban wächst, besonders in den großen Städten, die bisher noch von der Regierung kontrolliert werden. Gerade die Gebildeten, die Mehrsprachigen, die auch international gut Vernetzten wollen weg, oder sie sind es schon - wie der Schriftsteller Taqi, der es aus Kabul rausgeschafft hat. 

Die anrückenden Taliban, sagt er, seien so brutal wie die, die 2001 vertrieben worden seien. Afghanistan sei bald kein Land mehr für Künstler:

Künstler riskieren etwas, bringen dich zum Lachen, inspirieren dich und sprechen für dich. Vor 20 Jahren haben die Taliban die Buddha-Statuen in Bamyan zerstört. Und mit dem Mord an Khasha, dem Comedian, haben sie gezeigt, dass sie sich nicht geändert haben. Ich persönlich glaube, sie werden sich niemals ändern.