Afghanische Taliban-Kämpfer und Dorfbewohner während einer Versammlung (Archivbild 02.03.2020) | AFP

Offensive der Taliban Afghanistan bittet um Abschiebepause

Stand: 12.07.2021 16:21 Uhr

Nach dem Abzug der internationalen Truppen aus Afghanistan sind die Taliban auf dem Vormarsch. Sie versuchen, immer mehr Gebiete zu erobern. Deshalb hat Kabul Deutschland gebeten, die Abschiebung von Landsleuten auszusetzen.

Angesichts des Vormarsches der radikal-islamischen Taliban hat Afghanistan die Bundesregierung aufgefordert, die Abschiebung von Landsleuten aus Deutschland auszusetzen.

Die Regierung in Kabul hatte europäische Staaten schon am vergangenen Wochenende aufgefordert, Rückführungen in das Krisenland für drei Monate auszusetzen. "Diese Bitte ist auch bei uns in Deutschland eingegangen, und wir prüfen das jetzt", sagte ein Sprecher des Bundesinnenministeriums. Die Bundesregierung werde darüber "zeitnah" entscheiden und auch das Gespräch mit den anderen EU-Staaten sowie mit der Regierung in Kabul suchen.

Zur Zeit keine Änderung der Abschiebepraxis

Derzeit plant die Bundesregierung aber keine Änderung ihrer Abschiebepraxis. "Diejenigen, die kein Aufenthaltsrecht in Deutschland bekommen, sollen unser Land wieder verlassen", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert.

Die Entscheidung zur Abschiebung falle weiterhin "auf der Basis einer immer wieder aktualisierten, sehr genauen Beobachtung der Lage" in den Herkunftsländern, sagte er. Das Auswärtige Amt kündigte noch für diesen Monat einen neuen Bericht zur Sicherheitslage in Afghanistan an. Auf dieser Grundlage werde dann in der Abschiebungsfrage entschieden, "wie es weitergeht", sagte Seibert.

Am vergangenen Mittwoch war eine Maschine mit 27 abgeschobenen Männern an Bord in Kabul eingetroffen. Die meisten von ihnen waren in Deutschland mit Straftaten aufgefallen. 

Gewalt der Taliban und Corona

Wegen der zunehmenden Gewalt der militant-islamistischen Taliban und steigender Corona-Infektionen sei die Rückführung abgelehnter Asylbewerber derzeit ein Grund zur Sorge, hieß es in einer Erklärung des für Flüchtlinge zuständigen afghanischen Ministeriums. Außerdem sei man besorgt über eine wachsende Zahl von Menschen, die im Ausland Asyl suchten sowie im Land selbst auf der Flucht seien.

Seit Beginn des Abzugs der internationalen Truppen aus Afghanistan hat sich die Sicherheitslage zugespitzt. Die Taliban haben in mehreren Offensiven rund ein Viertel der Bezirke im Land neu erobert, viele davon im Norden Afghanistans.

Taliban nehmen immer mehr Städte ein

Die Kämpfer sind in mehrere Provinzhauptstädte eingedrungen oder kontrollieren bereits Teile der Städte. Das bestätigten lokale Behördenvertreter der Nachrichtenagentur dpa.

In der Stadt Gasni im Südosten des Landes kontrollierten die Taliban zwei Polizeibezirke, hieß es. In Faisabad im Nordosten hätten sie auch einen Polizeibezirk bereits erobert. Aus anderen Stadtteilen hätten sie von Sicherheitskräften vertrieben werden können. In der westlichen Stadt Kala-e Nau, die die Islamisten in der Vorwoche angegriffen hatten, seien sie in einigen Teilen der Stadt präsent und lieferten sich sporadische Gefechte mit den Sicherheitskräften, sagten Provinzräte. Weiter würden täglich Bewohner aus der Stadt fliehen.

Auch die Provinzhauptstadt Kandahar im Süden des Landes stand in den vergangenen Tagen unter Druck. Dort konnten die Sicherheitskräfte die Angriffe offenbar vorerst abwehren.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 12. Juli 2021 um 15:22 Uhr.