Menschen fliehen aus Alishang in der Provinz Laghman (Afghanistan) | EPA

Afghanistan Taliban nehmen wichtige Handelsorte ein

Stand: 09.07.2021 12:05 Uhr

Den Taliban ist es gelungen, zwei für den Handel Afghanistans wichtige Knotenpunkte unter ihre Kontrolle zu bringen. Trotz der massiven Gebietsgewinne der Miliz verteidigt US-Präsident Biden den Truppenabzug aus dem Land.

Die radikal-islamischen Taliban weiten ihre Kontrolle über afghanische Gebiete immer stärker aus. Zuletzt gelang es ihnen, zwei für den Handel des Landes wichtige Knotenpunkte einzunehmen.

Zum einen sei der Ort Islam Kala an die Milizen gefallen, ohne Widerstand der dort stationierten Sicherheitskräfte, hieß es übereinstimmend von politischen Vertretern aus der betroffenen Provinz Herat.

Millionenschwere Zolleinnahmen durch Handel

Islam Kala liegt an der afghanischen Grenze zum Iran und zu Turkmenistan. Vor allem für den Handel mit dem Iran verläuft durch den Ort die zentrale Verbindungsstrecke. Wie die Nachrichtenagentur dpa unter Berufung auf lokale Behörden berichtete, flossen über die dort erhobenen Zölle täglich Millionenbeträge in die Kasse der afghanischen Zentralregierung in Kabul.

Derzeit ruht der Warenverkehr über den Grenzübergang offenbar. Die Taliban kündigten jedoch an, den Betrieb noch im Laufe des Tages wieder aufnehmen zu wollen. "Die Grenze von Islam Kala ist jetzt unter unserer vollständigen Kontrolle und wir werden versuchen, sie heute wieder in Betrieb zu nehmen", sagte Taliban-Sprecher Sabihullah Mudschahid der Nachrichtenagentur AFP.

Die Regierung in Kabul hingegen erklärte, die Kontrolle über den Grenzübergang zurückgewinnen zu wollen. "Alle afghanischen Sicherheitskräfte einschließlich der Grenzpolizei sind in der Region präsent", sagte ein Sprecher des afghanischen Innenministeriums.

Karte von Afghanistan mit Islam Kala und Torghundi.

Knotenpunkt für Gasimport eingenommen

Neben Islam Kala konnten die Taliban auch die Stadt Torghundi im Norden der Provinz Herat unter ihre Kontrolle bringen. Über die Stadt an der Grenze zu Turkmenistan betreibt Afghanistan einen Großteil seiner Exporte, unter anderem nach Europa. Zudem führte das Land über die durch den Ort verlaufende Handelsroute bisher einen Großteil seines Gases und Treibstoffs ein.

Seit dem Beginn des Abzugs internationaler Truppen aus Afghanistan weiten die Taliban ihren Einfluss massiv aus. Die Miliz selbst spricht davon, mittlerweile etwa 85 Prozent der Gebiete in Afghanistan zu kontrollieren. Auch Russland zufolge nehmen die Kämpfer immer mehr Regionen ein, darunter auch zwei Drittel der afghanisch-tadschikischen Grenze. "Wir beobachten einen starken Anstieg der Spannungen an der afghanisch-tadschikischen Grenze", zitierte die Nachrichtenagentur AFP die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa. Die Taliban hätten "schnell weite Teile von an der Grenze gelegenen Bezirken besetzt".

Biden verteidigt Truppenabzug

Anfang Mai hatten die USA damit begonnen, ihre in Afghanistan stationierten Truppen abzuziehen. Eigentlich sollte der Abzug bis zum 11. September abgeschlossen sein, nun rechnet US-Präsident Joe Biden damit, dass bereits bis Ende August alle US-Soldaten in die Heimat zurückkehren können.

Er verteidigte die Entscheidung, den Afghanistan-Einsatz nach fast 20 Jahren zu beenden. Die Afghanen müssten selbst entscheiden, wie ihre Zukunft und ihr Land gestaltet werden sollten, betonte Biden. Doch er räumte auch ein, dass die Taliban inzwischen so stark seien wie noch nie seit dem Sturz ihres Regimes Ende 2001.

Auch Deutschland hat seine Streitkräfte im Rahmen des Truppenabzugs zurückbeordert. Die Soldaten der Bundeswehr sind schon seit Ende Juni komplett aus Afghanistan abgezogen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 09. Juli 2021 um 12:00 Uhr.