Afghanistans Botschafter in Tadschikistan, Achbar | REUTERS

Botschafter in Tadschikistan "Zentrum des Widerstands für Afghanistan"

Stand: 16.09.2021 10:10 Uhr

Im afghanischen Nachbarland Tadschikistan befürchtet man, die Ideologie der Taliban könnte sich hier auch ausbreiten. Afghanistans Botschafter in Duschanbe setzt sich von hier aus gegen die Taliban zur Wehr.

Von Demian von Osten, ARD-Studio Moskau

Ein leerer Stuhl, die afghanische Flagge, darüber das Portrait des bisherigen Vizepräsidenten Afghanistans. In der afghanischen Botschaft in Tadschikistans Hauptstadt Duschanbe sucht man Taliban-Symbolik vergeblich. Denn Botschafter Mohammad Sochir Achbar kritisiert die radikal-islamischen Taliban scharf - und nennt die Botschaft in Duschanbe "das Zentrum des Widerstands für Afghanistan".

Demian von Osten ARD-Studio Moskau

"Die Taliban haben weder Respekt vor internationalen Organisationen noch vor dem internationalen Recht, noch vor dem Islam," sagt Achbar im Gespräch mit dem ARD-Studio Moskau. "Nirgends wird im Islam gesagt, dass Frauen nicht arbeiten sollen, dass sie keine Lehrerinnen sein können und keine hohen Posten einnehmen dürfen." Die Rechte der Frauen liegen dem Botschafter, der seinerzeit auch nach Deutschland entsandt war, sehr am Herzen. "Wir bitten die gesamte Welt, laut über die Verteidigung der Frauenrechte zu sprechen."

Die Proteste gehen weiter

Dienstagvormittag in der Botschaft: Afghanische Frauen sind zu einer Protestaktion gekommen. Auf Plakaten haben sie Parolen auf tadschikisch und englisch geschrieben: "Pakistan, geh raus aus Afghanistan!" - Pakistan gilt als wesentlicher Unterstützer der radikal-islamischen Taliban. Eine andere Parole: "Unterstütze Pandschschir!" Das Tal in Nordafghanistan galt lange als eine der letzten Regionen, die sich den Taliban entgegenstellten. Zwar meldeten die Taliban die Eroberung des Tals - doch ob der Widerstand vollends gebrochen ist, bleibt unklar.

Vor allem der militärische Anführer Ahmad Massoud erlangte durch die Kämpfe im Pandschschir-Tal Bekanntheit. Er gehört zur Bevölkerungsgruppe ethnischer Tadschiken in Afghanistan, die etwa ein Viertel der afghanischen Bevölkerung stellt. Schon Massouds Vater kämpfte in Afghanistan, er erhielt posthum den wichtigsten Orden Tadschikistans. In der afghanischen Botschaft in Duschanbe hängen zahlreiche Portraits von Massouds Vater.

Die afghanische Botschaft in Tadschikistan mit der alten Staatsflagge | REUTERS

Über der afghanischen Botschaft in Tadschikistan weht noch die alte Staatsflagge - hier will man weiter gegen die Taliban kämpfen. Bild: REUTERS

"Taliban bekommen bald ernsthafte Probleme"

Botschafter Achbar gesteht zwar zu, dass die Taliban jetzt "alles erobert" hätten. "Aber sie haben uns nicht zwingen können, dass unser Herz schweigt", sagt er. "Ich glaube, dass die Taliban in zwei, drei Monaten ernsthafte Probleme bekommen werden." Er hofft auf internationalen Druck. Sein Argument: Noch sei die Taliban-Regierung international nicht anerkannt. Doch in Tadschikistan ist man auf der Hut vor den Entwicklungen im südlichen Nachbarland. Die mehr als 1300 Kilometer lange Grenze verläuft durch schwer zu kontrollierendes Gebirgsland.

"Vier oder fünf Bezirke des Grenzgebiets sind von Kämpfern aus Tadschikistan besetzt", erläutert der Politologe Faridun Chodisoda aus Duschanbe. Weitere Kämpfer könnten aus Tadschikistan nach Afghanistan ziehen und Ideen der Taliban mit zurückbringen. "Die Taliban haben eine andere Ideologie als etwa Al Kaida oder der sogenannte Islamische Staat. Sie ist uns näher und deshalb muss man befürchten, dass sie sich nach Tadschikistan ausbreiten könnte", erläutert Chodisoda. Möglicherweise auch über Flüchtlinge.

Bitte um finanzielle Hilfen

Tadschikistans autoritärer Präsident Emomalij  Rahmon hat die Grenze zu Afghanistan vorerst schließen lassen. Doch im Land gehen viele davon aus, dass afghanische Flüchtlinge irgendwann kommen könnten. "Tadschikistan ist ein gastfreundliches Land, es ist bereit, Flüchtlinge aufzunehmen", sagt Nigina Jurmatowa von der Nichtregierungsorganisation RCVC, die mit dem UN-Flüchtlingsagentur UNHCR zusammenarbeitet. "Aber das Wichtigste ist die wirtschaftliche Grundlage dafür. Wenn Tadschikistan Flüchtlinge aufnimmt, dann braucht es allumfassende Hilfe." Die Europäische Union hat bereits 160.000 Euro zugesagt, um bis zu 5000 Flüchtlingen in grenznahen Regionen in Tadschikistan zu helfen.

Das vom Westen hastig verlassene Afghanistan beunruhigt auch die politischen Führungen der Region. Sicherheitsfragen stehen im Zentrum von zwei regionalen Konferenzen in Duschanbe. Dabei trifft Tadschikistan, das die Taliban ablehnt, auch auf Pakistan, einen der wichtigsten Unterstützer der Taliban. Mit am Tisch sitzen am Freitag auch Russland und China - wenn auch nur virtuell per Videoschalte. Für die beiden Großmächte ergeben sich nach dem Rückzug des Westens in der Region Chancen.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 15. September 2021 um 22:15 Uhr.