Eine afghanische Richterin | ARD-Studio Neu-Delhi

Richterinnen in Afghanistan "Diese Männer versuchen, sich zu rächen"

Stand: 07.10.2021 14:42 Uhr

Als Richterin setzte sie in Afghanistan Frauenrechte durch, verurteilte Verbrecher. Dann kamen die Taliban und ließen viele Täter frei. Nun müssen die Juristin und ihre Kolleginnen untertauchen - und fürchten Rachemorde.

Von Sibylle Licht, ARD-Studio Neu-Delhi

Sie waren die Wegbereiterinnen für Frauenrechte in Afghanistan und standhafte Verteidigerinnen der am stärksten diskriminierten Gruppe: der Frauen. Jetzt sind fast 300 afghanische Richterinnen aus Angst vor Vergeltung durch die Taliban untergetaucht.

Sibylle Licht ARD-Studio Neu-Delhi

Afghanische Richterinnen klagten Tausende Männer wegen Vergewaltigung, Mord, Folter, Entführung an. Unter den Verurteilten waren auch Terroristen des sogenannten Islamischen Staates. Mit der Machtübernahme öffneten die Taliban sofort die Türen der Gefängnisse. Kurz darauf habe sie Morddrohungen erhalten, berichtet eine der Richterinnen, die sich mit dem ARD-Studio Neu-Delhi an einem geheimen Ort trifft und ihren Namen nicht veröffentlicht sehen will.

"Als die Taliban am 15. August 2021 die Macht in Afghanistan übernahmen, ließen sie alle Gefangenen ohne jegliche Auflagen frei. Ich habe viele Kriminelle wegen Verbrechen an Frauen verurteilt und sie ins Gefängnis gebracht. Jetzt versuchen sich diese Männer zu rächen und uns ausfindig zu machen", sagt sie. "Sie kamen zu mir nach Hause und brachten ein Schreiben der Polizei mit. In dem wurde die Herausgabe von Gerichtsakten verlangt. Es waren Kriminelle, die ich zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt hatte." Seitdem versteckt sich die Richterin. Ihre Kinder bleiben bei ihrem Mann.

Eine afghanische Richterin | ARD-Studio Neu-Delhi

Ihren Namen will die afghanische Richterin nicht veröffentlicht sehen, ihr Gesicht nicht vollständig zeigen - zu groß ist die Angst vor Rache. Bild: ARD-Studio Neu-Delhi

Jeden Tag Rachemorde

Bilal Karim, Sekretär eines Taliban-Sprechers, wiegelt ab. "Richterinnen sollen ohne Angst leben. Niemand soll sie bedrohen", sagt er dazu. "Unsere militärischen Spezialeinheiten sind verpflichtet, Beschwerden nachzugehen und zu handeln, wenn ein Verstoß vorliegt."

Die Richterin aber berichtet, wie nicht nur sie Todesangst in ihrem Versteck hat: "Jeden Tag werden Richter, Anwälte und Juristen aus Rache getötet. Anfang der Woche war es ein Richter, gestern ein Anwalt." Seit der Machtübernahme setzen die Taliban offenbar auch viele von ihnen freigelassene Gefangene als Sicherheitskräfte in ihren neu geschaffenen Einheiten ein.

Juristinnenbund fordert Hilfe

Maria Wersig vom Deutschen Juristinnenbund in Berlin ist in großer Sorge um die afghanischen Kolleginnen: "Diese Frauen stehen für alles, was die Taliban ablehnen und bekämpfen." Den Richterinnen drohten nicht nur Verfolgung und Gewalt vonseiten der Taliban, sondern auch Racheakte der Delinquenten, die sie verurteilt hätten.

Der Deutsche Juristinnenbund fordert, dass Deutschland die Richterinnen aufnimmt. Doch das passiert bisher nicht - obwohl die Bundesregierung eine Aufnahmeerklärung für diese Frauen abgegeben habe, betont Wersig. "Diese Richterinnen sind Frauen, die mir ihrer Bildung dazu beigetragen haben, dieses Land aufzubauen, den Rechtsstaat und die Demokratie. Sie werden jetzt im Stich gelassen, auf eine Art und Weise, die schrecklich ist, die einen hilflos und empört zurücklässt."

Maria Wersig | ARD-Studio Neu-Delhi

Maria Wersig, Präsidentin des Deutschen Juristinnenbunds, fordert eine Aufnahme der Richterinnen in Deutschland. Bild: ARD-Studio Neu-Delhi

"War klar, was passieren würde"

Die internationale Gemeinschaft bekenne sich zu den Menschenrechten, zu denen auch Frauenrechte gehören - wenn sie aber nicht endlich aktive Hilfe anbiete, stehe ihre Glaubwürdigkeit auf dem Spiel, sagt Wersig - und wirft der internationalen Gemeinschaft Versagen in Afghanistan vor: "Man hätte diesen Rückzug ganz anders angehen müssen. Nicht nur Soldaten und Botschaftspersonal hätten Thema sein müssen. Es war ja klar, was passieren würde. Ich kann nicht verstehen, wie man Menschen einfach so im Stich lassen kann."

Eine afghanische Richterin | ARD-Studio Neu-Delhi

"Wenn wir in Afghanistan bleiben, werden wir definitiv sterben", sagt die Richterin. Bild: ARD-Studio Neu-Delhi

Die afghanische Richterin sagt, sie würde in jedes Land gehen, das sie und ihre Familie aufnimmt. "Wenn wir weiter in Afghanistan bleiben, werden wir definitiv sterben", sagt sie. "Wir wollen Hilfe von der internationalen Gemeinschaft. Es wurde den Fußballspielerinnen geholfen, das Land zu verlassen. Wir wollen ihnen sagen, dass zuallererst politische Fälle Hilfe brauchen. Das sind Menschen, die wirklich in Gefahr sind. Richterinnen und Anwältinnen brauchen ein Gastvisum oder ein temporäres Visum."

Von 300 untergetauchten Richterinnen konnten bisher nur 30 Afghanistan verlassen. Keine davon hat Deutschland erreicht.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 12. Oktober 2021 um 12:00 Uhr.