Ein afghanischer Journalist kniet neben einem zerstörten Auto | REUTERS

Afghanistan Pressefreiheit unter Beschuss

Stand: 07.08.2021 09:09 Uhr

In den vergangenen 20 Jahren konnte sich in Afghanistan eine vergleichsweise liberale Medienlandschaft entwickeln. Doch nun sind Reporter besorgt: Mit dem Vormarsch der Taliban sehen sie sich in Gefahr.

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu-Delhi

Zum Opferfest im Juni schlagen gleich neben dem Präsidentenpalast in Kabul Raketen ein, mitten im Gebet von Präsident Ashraf Ghani und anderen hochrangigen Politikern. Der TV-Sender Tolo-News filmt live mit. Zum Glück gibt es keine Toten und nur wenige Verletzte. Aber selbst scheinbar friedliche Momente können sich in Afghanistan schnell drehen und zur großen Gefahr werden. Jedes Event, bei dem auch Journalisten, Reporterinnen oder Kameraleute dabei sein, kann zu einem Massaker werden. Afghanistan, so sagt die Organisation Reporter ohne Grenzen, sei eines der gefährlichsten Länder der Welt für Journalistinnen und Journalisten.

Silke Diettrich ARD-Studio Neu-Delhi

Der größte Fernsehsender des Landes, Tolo-News, sieht von außen wie ein Hochsicherheitsgefängnis aus: Statt nach einem Passierschein fragen die Wachmänner jeden, der rein will, nach Waffen. Die seien hier nicht erlaubt und müssten am Empfang abgegeben werden.

Hunde beschnüffeln das Auto, Sicherheitsmänner öffnen den Kofferraum und schauen mit Spiegelstangen unter das Fahrzeug. Mehrere Schleusen und Röntgengeräte später begrüßt der Geschäftsführer herzlich auf Deutsch: "Was kann ich Ihnen anbieten?"

Wieder am Anfang

Shafic Gawhari hat in Paderborn studiert und war dann jahrelang für die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit tätig. 20 Jahre lang hat er sein Land mit aufgebaut und die neu gewonnene Pressefreiheit genutzt, um den größten Nachrichtensender des Landes zu leiten: "Von Pakistan bis in die Türkei haben wir die beste Medienlandschaft, da sind wir einmalig. Und das ist eine Errungenschaft." 

Gawhari ist verantwortlich für 600 Menschen, die für die Medien-Gruppe Moby arbeiten. Unzählige News-Programme im Fernsehen und Radio zählen dazu, aber auch Unterhaltungsprogramme, die Rekordzuschauerzahlen erreichen. Als die Taliban an der Macht waren, verschwanden sämtliche TV-Sender über Nacht, wurden Fernsehgeräte zerstört. Nur streng religiöse Radio-Programme oder Propaganda-Nachrichten in Zeitungen waren geduldet.

Gawhari kann sich noch gut an die dunklen Zeiten erinnern: "Kabul war eine tote Stadt. Überall herrschte Angst." Und jetzt, da die Presse endlich einen hohen Stellenwert für die afghanische Gesellschaft habe, würden die westlichen Länder einfach aus seinem Land abziehen.

Die Taliban sind auf dem Vormarsch und werden wohl wieder die Macht im Land übernehmen. Dass die NATO die Truppen abzieht, ohne irgendeine Bedingung an die Extremisten zu stellen, macht den TV-Geschäftsführer fassungslos: "Es ist schade, wenn man sich nach 20 Jahren wieder da sieht, wo man angefangen hat."

Gezielte Attacken auf Journalisten

Drohungen seien für seine Mitarbeitenden an der Tagesordnung. Denn sie haben sich im Laufe der Jahre so gut professionalisiert, dass sie die Hintergründe von Verbrechen im Land aufklären - oft besser, als die Polizei im Land es tut. Und sie stellen die Verursacher an den Pranger. Dazu gehören korrupte Politiker, Kriegsfürsten, die Straftaten begehen, oder Islamisten, die Anschläge verüben.

Sie alle wollen ihre eigenen Wahrheiten in der Öffentlichkeit sehen und sorgen sich um ihr Image. Daher setzen sie alles in ihrer Macht Stehende ein, um Reporterinnen und Reporter einzuschüchtern. In den letzten Monaten haben vor allem gezielte Attacken auf Medienschaffende und Menschenrechtler in Afghanistan zugenommen.

Anfang März wurden drei Journalistinnen, die für einen privaten Sender im Osten des Landes arbeiteten, mitten am Tag von unbekannten Männern auf offener Straße erschossen. Elf Kolleginnen und Kollegen von Tolo-News kamen bei Anschlägen ums Leben. Einige berühmte Gesichter des Senders haben das Land verlassen, um im wahrsten Sinne des Wortes aus der Schusslinie zu kommen. Aber die meisten wollten auch nach den Anschlägen auf ihre Kolleginnen und Kollegen weitermachen, um die Menschen im Land zu informieren, sagt Gawhari: "Wenn wir zumachen, dann nehmen die den jungen Leuten im Land hier Hoffnung."

Düstere Szenarien

Auch ausländische Journalisten setzen sich im Land großen Gefahren aus, wenn sie von dort aus berichten. Ende Juli wurde der indische Fotoreporter und Pulitzer-Preisträger Danish Siddiqui bei einem Angriff der Taliban getötet.

Ein Foto des in Afghanistan getöteten indischen Fotoreporters Danish Sidiqqui steht vor Kerzen. | REUTERS

Ende Juli ist der indische Fotoreporter Danish Siddiqui bei einem Angriff der Taliban getötet worden. Bild: REUTERS

Die düsteren Szenarien derzeit: Es kommt zu einem noch größeren Bürgerkrieg in Afghanistan, weil die Taliban mit aller militärischer Kraft versuchen, die Macht an sich zu reißen. Oder: Die Extremisten verhandeln ihr Comeback am Verhandlungstisch, an dem sie schon seit fast einem Jahr mit der afghanischen Regierung zusammensitzen. So oder so werden die Taliban an die Macht kommen, eine freie Medienlandschaft, wie sie in den letzten 20 Jahren aufgebaut wurde, ist damit in Zukunft undenkbar.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 05. August 2021 um 15:50 Uhr.