Sicherheitskräfte unter dem Befehl der Taliban in Kandahar. | EPA

Afghanistan unter den Taliban "Es gibt keine Gnade für uns"

Stand: 13.08.2022 05:02 Uhr

Einst als stolzer Polizeichef "Skorpion" bekannt, dann inhaftiert und verarmt: Statt einer versprochenen Amnestie für Beamte setzen die Taliban Verfolgung und Bestrafung um, berichtet ein Ex-Polizist aus Kandahar.

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu-Delhi, zzt. Kandahar

Es gibt kaum noch einen Ort, an dem er sich sicher fühlt. Schon gar nicht, um ein Interview zu geben. Bei einer Autofahrt würde es gehen, sagt Habib, der eigentlich einen anderen Namen hat, den er aber nicht erwähnt wissen will. Bevor die Taliban die Macht übernommen haben, war Habib der stellvertretende Leiter des Kriminalamtes auf einem Revier in Kandahar. Codename: Skorpion.

Silke Diettrich ARD-Studio Neu-Delhi

Vergangenes Jahr, Anfang August, hat er zusammen mit den afghanischen Soldaten in seiner Stadt gegen die Taliban gekämpft - vergebens. Am 12. August hatten die Islamisten Kandahar eingenommen, drei Tage später sind sie in Kabul einmarschiert: "Ich bin nach Hause gelaufen und hatte unglaublich große Angst", erinnert er sich. "Mir gingen so viele Fragen durch den Kopf, wie: Wo soll ich meine Uniform verstecken, wo meine Militärausrüstung, wo soll ich selbst hin? Ich habe dann erst einmal meine ganze Ausrüstung vergraben."

Arbeit als Taxifahrer - incognito

Der einst stolze "Skorpion" hat sich dann zwei Wochen lang zu Hause versteckt, er ist kein einziges Mal vor die Tür gegangen. Bis er und seine Familie nichts mehr zu essen hatten. Habib musste Geld verdienen, hat angefangen, als Taxifahrer zu arbeiten.

An einem der Checkpoints, die die Taliban bis heute überall in der Stadt aufgestellt haben, flog er auf und wurde festgenommen.

"Im Gefängnis haben sie mich geschlagen und ständig gefragt, wo meine Waffen seien. Ich habe immer wieder gesagt, dass ich alle offiziellen Waffen schon vorher abgegeben hatte", sagt Habib. "Als ich dann meine private Pistole erwähnt habe und sie die konfisziert haben, haben sie immerhin aufgehört, mich zu schlagen. Aber es war so heiß im Gefängnis und sie haben uns weder zu Essen noch Wasser gegeben."

Neustart in Kabul glückt nicht

Habib kam nach einer Woche wieder auf freien Fuß und floh gleich darauf mit seiner Familie nach Kabul. Sie hatten kaum Geld dabei, einen Job konnte er auch nicht finden - allein in der Hauptstadt sind Tausende auf der Suche - und sich die Miete in der Hauptstadt nicht leisten.

Habib musste zurück nach Kandahar. Und das, obwohl dort bis heute noch ehemalige Kollegen von ihm über Nacht verschwinden würden, wie er erzählt: "Zwei meiner jüngeren Kollegen haben sie gleich umgebracht, als sie unsere Stadt erobert haben. Nicht im Kampf, die waren zu Hause, da haben sie einfach auf sie geschossen. Es gibt viele solcher Fälle. Sie verhaften und schlagen uns oder sie bringen uns um. Es gibt keine Gnade für uns."

UN: Generalamnestie nicht umgesetzt

Die Vereinten Nationen schreiben in einem Bericht von mindestens 160 außergerichtlichen Tötungen seit der Machtübernahme: Ehemalige Beamte und Sicherheitskräfte seien von den Taliban umgebracht worden, obwohl die Islamisten mehrfach betont hatten, dass es für die Afghaninnen und Afghanen eine Generalamnestie gebe.

Ihren Worten könne man nicht trauen, sagt Habib: "Die internationale Gemeinschaft sollte mehr Druck auf die Taliban ausüben. Wenn sie das nicht tun, dann wird dieses Regime Dinge tun, die nichts mehr mit Menschlichkeit zu tun haben."

Über dieses Thema berichtete RBB Kultur am 12. August 2022 um 16:10 Uhr.