Taliban-Mitglieder in Afghanistan (Archivbild) | REUTERS

Ortskräfte in Afghanistan "Wir sind verrückt vor Angst"

Stand: 10.08.2021 12:48 Uhr

Die Taliban rücken im Norden Afghanistans weiter vor: Bedroht ist auch Masar-i-Scharif, wo die Bundeswehr gerade erst abgezogen ist. Ehemalige Ortskräfte bangen um ihr Leben.

Von Peter Hornung, ARD-Studio Südasien

Wenn sie einen Ort eingenommen haben, dann schießen die Taliban in die Luft. Aus Freude. Diese Freude teilen sie gerne - in Internetvideos, die tausendfach weiter verbreitet werden. Derzeit gibt es solche Aufnahmen etwa aus der nordafghanischen Provinz Baghlan, wo die Taliban gegen die Hauptstadt Pul-e-Khumri vorrücken.

Peter Hornung ARD-Studio Neu-Delhi

Erfolgreiche Offensiven der Taliban

Die Taliban sind sehr erfolgreich mit ihren Offensiven. Die afghanische Armee scheint ihnen kaum etwas entgegensetzen zu können. Fünf von neun Provinzen Nordafghanistans sind seit dem vergangenen Freitag an die Radikalislamisten gefallen. In zwei weiteren Provinzen, eben Baghlan und Badachschan im Nordosten, sind sie ebenfalls auf dem Vormarsch. Und auch die größte Stadt Nordafghanistans gerät zunehmend in Gefahr: Masar-i-Scharif mit fast 500.000 Einwohnern, wo die Bundeswehr vor wenigen Wochen erst abgezogen ist.

Ahmad ist noch in Masar-i-Scharif. In einer WhatsApp-Nachricht schildert er die Lage. Er und seine Familie seien "verrückt vor Angst". Er könne nicht schlafen und seine Frau auch nicht. "Wir gehen davon aus, dass die Taliban kommen werden. Die Menschen hier in Masar-i-Scharif haben große Angst. Hier gibt es derzeit viele Militärbewegungen." Man höre häufig schon Schießereien in der Stadt. Auch um sein Haus herum, sagt er.

Das ist die Taktik der Taliban. Sie kommen fast lautlos in die Stadt, infiltrieren die Außenbezirke. Und irgendwann kommen sie dann mit Macht.

Antrag auf Ausreise blieb unbeantwortet

Ahmads Angst ist wohl noch größer als die vieler anderer Menschen in der Stadt. Ahmad, der seinen richtigen Namen nicht genannt wissen will, war jahrelang Übersetzer für die Bundeswehr in Masar-i-Scharif, hat später Drohbriefe und SMS von den Taliban bekommen.

Er habe zwar als ehemalige Ortskraft einen Antrag auf Ausreise für sich und seine Familie gestellt - doch seit zwei Monaten habe er nichts mehr von seinem Antrag gehört. Ähnlich gehe es andere ehemaligen Kollegen, die noch in der Stadt sind.

Nun schicke er schweren Herzens seine große Tochter weg, damit sie nicht den Radikalen in die Hände fällt. "Ich schicke jetzt meine älteste Tochter zu Verwandten nach Kabul. Sie ist 14. Ich kann sie nicht mehr hier lassen, weil ich gerade gehört habe, dass die Taliban die jüngeren Mädchen gewaltsam wegnehmen. Ich habe diese Entscheidung getroffen, die sehr hart für mich ist, um ihr Leben zu retten und ihre Zukunft", erzählt Ahmad.

Viele Menschen versuchen derzeit, den Norden Afghanistans zu verlassen. Im ganzen Land seien Hunderttausende auf der Flucht, berichten die Vereinten Nationen. Viele von ihnen sind in Kabul gestrandet und kommen von dort nicht mehr weg. Sie kampieren auf Plätzen, in Zelten oder unter freiem Himmel. Wohin sie gehen sollen, wenn die Taliban auch hierher kommen, wissen sie nicht.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 10. August 2021 um 12:10 Uhr.