Taliban-Kämpfer stehen an einem Kontrollpunkt in der Nähe des Flughafen Kabul Wache. | dpa

Afghanistan Der gefährliche Umgang mit Namenslisten

Stand: 30.08.2021 17:29 Uhr

Sollte die Bundesregierung mit den Taliban zusammenarbeiten und ihnen Namenslisten weitergeben, um Ortskräfte aus Kabul auszufliegen? Der Paketdienstleister DHL hatte mit dieser riskanten Strategie zumindest Erfolg.

Von Peter Hornung, ARD-Studio Neu-Delhi

Es war in der Nacht von Samstag auf Sonntag, da hatte Hussain die Hoffnung, dass es klappen könnte. "Wir waren etwa 200 deutsche Ortskräfte und wurden zum Flughafen gefahren mit vier Bussen. Vom Flughafentor wurden wir dann von einem Pickup mit Taliban auf das Gelände eskortiert."

Peter Hornung ARD-Studio Neu-Delhi

Hussain, der seinen richtigen Namen nicht nennen will, ist eine ehemalige Ortskraft der Bundeswehr, er war Übersetzer. Der Bus, in dem er saß, war im Auftrag der deutschen Initiative "Luftbrücke Kabul" unterwegs. Als sie auf dem Flughafengelände waren, sei ein Taliban gekommen - mit einem gelben Umschlag. Er habe eine Liste herausgenommen und dann Namen vorgelesen.

"Jeder, dessen Name vorgelesen wurde, durfte weiter rein in den Flughafen. Und wer nicht, der sollte wieder gehen", sagt Hussain. Sein Name stand nicht auf der Liste, er musste zurück. Warum aber hatten die Taliban die Namen deutscher Ortskräfte? Gestern wollte das Auswärtige Amt eine Anfrage des ARD-Studios Südasien nicht kommentieren.

"Begrenzte Informationen" wurden geteilt

Heute sagt Regierungssprecher Christopher Burger: "Nein, wir haben nicht die Liste unserer Ortskräfte den Taliban gegeben." Nicht die Liste der Ortskräfte, aber dennoch Namen von Afghaninnen und Afghanen, die für Deutsche gearbeitet haben. Es habe zwei private Initiativen gegeben, so Burger, die von der Bundesregierung logistisch begleitet worden seien.

"Um die praktische Umsetzung der Aktion zu gewährleisten, wurden auf ausdrückliche Bitte der Organisatoren begrenzte Informationen nur über die konkret auf dem einen Flieger zu transportierenden Personen mit amerikanischen Partnern geteilt, die logistisch das Verfahren am Tor, also auch den Kontakt mit den Taliban gehalten haben", sagt Burger.

Nach Informationen des ARD-Studios Südasien handelt es sich dabei unter anderem um Ortskräfte von der DHL, dem Paketdienst der Deutschen Post. Die Aktion sei erfolgreich gewesen. "All diese Personen sind wohlbehalten von US-Maschinen nach Doha geflogen worden", sagt Burger.

Deutsche Post offenbar mutiger als Bundesregierung

Die Post-Mitarbeiter hätten es tatsächlich auf die Flüge geschafft, teilt ein Unternehmenssprecher schriftlich mit. "Wir können bestätigen, dass unsere Mitarbeiter und ihre engsten Familienangehörigen mit Hilfe der deutschen und der US-Regierung aus Afghanistan ausgeflogen und in Sicherheit gebracht werden konnten."

Mehr könne man aber aus Sicherheitsgründen nicht sagen. Offenbar war die Deutsche Post mutiger als die deutsche Bundesregierung. In der vergangenen Woche war durch US-Medienberichte bereits bekannt geworden, dass die Amerikaner Namen von Ortskräften an Taliban-Sicherheitskräfte am Flughafen gegeben hatten - erfolgreich. Die Radikalislamisten hielten Wort und ließen die Ortskräfte durch. Die strengen Kontrollen vor dem Flughafen, so die Taliban, dienten vor allem dazu, Menschen zurückzuhalten, die keine ausreichenden Papiere für die Flüge hätten.

Dem ehemaligen Bundeswehr-Übersetzer Hussain nützt das ohnehin nichts mehr. Er hat sich schon darauf eingestellt, auf einem anderen - gefährlicheren - Weg aus Afghanistan raus zu kommen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 30. August 2021 um 10:00 Uhr.