Sicherheitspersonal trägt einen Leichensack am Ort eines Selbstmordanschlags in Kabul (Archivbild 2018)

Kämpfe in Afghanistan Dramatischer Anstieg der zivilen Opferzahlen

Stand: 26.07.2021 11:35 Uhr

Die internationalen Truppen ziehen ab, die Taliban erobern wieder Gebiete in Afghanistan. Das führt zu mehr Toten und Verletzten. Zuletzt starben laut UN so viele Zivilisten wie noch nie seit Beginn der Zählung im Jahr 2009.

Mit dem Abzug der internationalen Truppen aus Afghanistan spitzt sich die Sicherheitslage zu. Die Zahl der zivilen Opfer in dem Land hat nun einen Höchstwert erreicht. Allein im Mai und Juni wurden nach einem veröffentlichten Bericht der Vereinten Nationen 2392 Zivilisten verwundet oder getötet - so viele wie noch nie seit Beginn der UN-Zählung im Jahr 2009.

Parallel zu dem Abzug haben die radikalislamischen Taliban in dem Land mehrere Offensiven begonnen. Seitdem brachten sie schon mehr als 160 der 400 Bezirke des Landes unter ihre Kontrolle, mehrere Grenzübergänge und Teile wichtiger Überlandstraßen.

Sprengsätze, Gefechte oder gezielte Tötungen

Im gesamten ersten Halbjahr lag die Zahl der zivilen Opfer dem UN-Bericht zufolge bei 1659 Getöteten und 3524 Verletzten. Das ist vergleichbar mit den Jahren 2016 bis 2018. Damals verzeichneten die UN in dieser Zeitspanne ebenfalls jeweils mehr als 5000 Opfer. Jungen und Mädchen sowie Frauen machten den UN zufolge in der Zeit von Januar bis Juni 2021 fast die Hälfte aller zivilen Opfer aus.

Die Zivilisten kamen vor allem durch Sprengsätze, bei Bodengefechten und durch gezielte Tötungen ums Leben. Für 40 Prozent der Opfer seien die Taliban verantwortlich, für etwa 25 Prozent die Sicherheitskräfte der Regierung. Beide Seiten wehrten sich gegen den UN-Bericht. Ein Sprecher der Streitkräfte sagte, die Sicherheitskräfte hätten viele Gebiete verlassen, um zivile Opfer eben zu vermeiden. In einem Statement der Taliban hieß es, man habe Zivilisten in den vergangenen sechs Monaten keinen absichtlichen Schaden zugefügt.

Warnung vor dramatischer Zunahme

Ein Großteil der Gefechte im Mai und Juni habe außerhalb von Städten in Gebieten mit vergleichsweise geringer Bevölkerungszahl stattgefunden, heißt es in dem Bericht weiter. Die UN seien zutiefst besorgt, dass sich die Kämpfe in die dicht besiedelten Städte verlagern könnten.

Und die Vereinten Nationen warnen vor einer dramatischen Zunahme ziviler Opfer: "Eine bislang beispiellose Zahl von afghanischen Zivilisten wird in diesem Jahr ums Leben kommen und verletzt werden, sofern die Gewaltwelle nicht eingedämmt wird", sagte die Chefin der UN-Mission für Afghanistan (UNAMA), Deborah Lyons.

US-Luftschläge zur Unterstützung

Die USA halten ungeachtet der Sicherheitslage an ihren Abzugsplänen bis Ende August fest. Der für Afghanistan zuständige US-General Kenneth McKenzie sagte in Kabul, man habe in den vergangenen Tagen die Luftschläge zur Unterstützung der afghanischen Streitkräfte verstärkt. Unklar ist, ob die Luftschläge auch nach dem Abzug fortgesetzt werden. Die Friedensgespräche zwischen Regierung und Taliban treten auf der Stelle.

Der Abzug der internationalen Truppen läuft offiziell seit dem 1. Mai. Die letzten Soldaten der Bundeswehr sind nach fast 20 Jahren Einsatz bereits seit Ende Juni wieder zu Hause.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 26. Juli 2021 um 10:22 Uhr.