Taliban-Kämpfer in Kabul | AFP

Taliban in Afghanistan "Willkommen in unserem friedlichen Land"

Stand: 20.09.2021 10:38 Uhr

Vor gut einem Monat haben die Taliban die Macht in Afghanistan übernommen. Nach außen geben sie sich meist freundlich, auch in Masar-i-Scharif im Norden des Landes. Hier hatte die Bundeswehr jahrelang ihr größtes Feldlager.

Silke Diettrich, ARD-Studio Neu Delhi

Großer Tumult am Taliban-Checkpoint: Ausländerinnen und Ausländer sind gerade von Usbekistan aus ins Land eingereist. Statt nach Pässen oder Erlaubnissen zu fragen: Selfie-Time! Zehn junge Taliban, mit Kalaschnikows und Maschinengewehren um ihre Schultern, sind nun damit beschäftigt, ihre Smartphones zu bedienen, um Videos und Fotos mit den Neuankömmlingen zu machen.

Silke Diettrich ARD-Studio Neu-Delhi

Haji Mualem grüßt freundlich: "Bei Gott, seien Sie willkommen in unserem friedlichen Land. Überall ist es nun zu 100 Prozent sicher, machen Sie sich keine Sorgen mehr. Sie können in Ruhe herumreisen und Ihren Aufenthalt genießen." Eigentlich ist Haji Mualem Lehrer, bewacht aber nun mit den anderen bewaffneten Taliban einen Kontrollposten hinter der Grenze zu Usbekistan. Kurz bevor er die Reisegruppe passieren lässt, sagt er noch: "Wir haben keine Probleme mit Deutschen. Nur deutsche Soldaten wollten wir hier nicht. Aber wir wollen eine gute Beziehung zu euch." Und die wollen sie auch mit allen Afghaninnen und Afghanen, sagen die Taliban.

Viele haben Angst vor den neuen Herrschern

In der Stadt allerdings sind sie nicht nur an ihren Turbanen und langen Haaren zu erkennen, sondern vor allem, weil sie alle Waffen tragen. Gut einen Monat nach der Machtübernahme haben noch immer viele Menschen Angst vor den neuen Herrschern. "Alles hat sich hier verändert", sagt Waheed Arman. Er besitzt einen kleinen Laden im Zentrum der Stadt Masar-e Scharif. Früher hat er fast täglich ausrangierte Ware aus dem Bundeswehr-Camp erhalten und für gute Preise verkauft.

Jetzt kommt weder Nachschub, noch hätte die Menschen Geld, um überhaupt etwas zu kaufen, erzählt Arman, der selber auch mal im Bundeswehr-Feldlager gearbeitet hat: "Ich mache mir schon große Sorgen, auch um meine Frau und meine Söhne. Wenn die Taliban herausfinden, dass ich mal bei den Deutschen gejobbt habe, keine Ahnung, was dann passiert. Die sind fast alle ungebildet, die verstehen eigentlich nur nur die Sprache der Gewalt. Wenn die in meinen Laden kommen, habe ich immer große Angst."

"Die Menschen sind arm und brauchen Hilfe"

Nicht weit vom Markt entfernt liegt das Bezirkskrankhaus. Das Gebäude und die Ausstattung, mitfinanziert von Deutschland. In den Betten liegen nun auch Taliban. Einer hängt gerade am Tropf, das Maschinengewehr gleich griffbereit neben ihm auf der Fensterbank. Das Personal, das sich um ihn kümmert, hat seit zwei Monaten keinen Lohn mehr bekommen.

Der Provinzchef für das Gesundheitswesen hat sein Land verlassen, nun ist Mawlawi Sheik Saddam an seine Stelle gerückt, auch er gehört zu den Taliban. "Die Deutschen haben uns schon zuvor gerade im Bereich der Gesundheit viel geholfen", sagt der neue Chef. Auf seinem Schreibtisch steht die Flagge der Taliban gleich neben einer Weltkugel. "Wir benötigen auch weiterhin die deutsche Unterstützung. Mehr als 40 Jahre hat in unserem Land Krieg geherrscht. Die Menschen sind arm und brauchen Hilfe."

Bei einer Geberkonferenz vor wenigen Tagen haben viele Staaten eine kurzfristige Nothilfe für Afghanistan zugesagt, rund eine Milliarde Euro, die nicht an Bedingungen geknüpft ist. Eine langfristige Entwicklungshilfe und Zusammenarbeit werde aber davon abhängen, wie das neue Taliban-Regime mit Frauen, Kindern und Minderheiten umgehen wird.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 20. September 2021 um 12:35 Uhr.

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Moderation 20.09.2021 • 15:05 Uhr

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