Blick in eine Straße in Masar-i-Scharif (Afghanistan) | picture alliance/dpa/Sputnik

Afghanistan unter den Taliban "Das Leben ist nicht mehr dasselbe"

Stand: 02.09.2021 13:20 Uhr

Der Alltag in Afghanistan ist seit der Machtübernahme der Taliban härter geworden, auch in der Großstadt Masar-i-Scharif. Die Not der Menschen ist groß - und die Vorräte des Welternährungsprogramms gehen zur Neige.

Von Peter Hornung, ARD-Studio Neu-Delhi

Ali Reza Amini ist Apotheker in Masar-i-Scharif. Ihn fragt man in diesen Tagen besser nicht, wie es um seine Geschäfte steht. "Mit den Taliban ging die Wirtschaft in den Keller. Geschäftsleute und Investoren sind geflohen und haben ihr Geld mitgenommen, die Banken sind zu, die Grenzen teilweise auch, es gibt viel mehr Arbeitslose."

Peter Hornung ARD-Studio Neu-Delhi

Das wirke sich auch auf sein Geschäft aus, sagt der Apotheker. "Die Menschen kommen nicht mehr, und einige unserer Kunden nehmen nur noch die Hälfte der vom Arzt verschriebenen Medikamente ein. Durch den Anstieg des Dollar können sie sich arme Menschen kaum mehr leisten. Und so wird es weitergehen, die Leute fliehen und die soziale und wirtschaftliche Situation des Landes wird noch schlechter." Wie lange, das wisse keiner.

Umfangreiche Hilfslieferungen nötig

Was der Apotheker meint, lässt sich gut sehen - auf den Märkten der größten Stadt Nordafghanistans, die viel umfangreicher sind als früher: Eine endlose Reihe von Ständen, zu sehen in einem Video eines einheimischen Journalisten. Menschen verkaufen ihre Habseligkeiten, weil sie auswandern wollen oder einfach nur aus purer Not.

Hilfe sei dringend notwendig, sagt Ramiz Alakbarov von der Afghanistan-Mission der Vereinten Nationen UNAMA. Ein Glück, dass der Flughafen der Stadt wieder genutzt werden kann. "Wir konnten mit einem Flugzeug - dem ersten Flugzeug - in Masar-i-Scharif landen: 37,5 Tonnen medizinische Hilfsgüter für 200.000 Menschen, außerdem 600 Tonnen Lebensmittel. Und der UN-Flüchtlingskommissar liefert auch noch andere Güter."

Nahrungsmittel reichen nur bis Ende September

Ende Juni war die Bundeswehr von ihrem Camp am Flughafen von Masar-i-Scharif abgezogen. Als die Taliban vor drei Wochen kamen, floh auch der Flughafenchef. Inzwischen haben sie dessen Vorgänger aus der Rente geholt. Jetzt landen wieder ab und zu Maschinen. Doch die jetzigen Hilfslieferungen sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Denn nicht nur in Masar-i-Scharif, sondern im ganzen Land herrscht Not. UNAMA-Koordinator Alakbarov warnt:

Ende September werden die Vorräte des Welternährungsprogramms im Land aufgebraucht sein. Um die derzeitige Nachfrage befriedigen zu können, benötigen wir mindestens 200 Millionen Dollar allein für den Nahrungsmittelsektor, damit wir die Ärmsten mit Nahrungsmitteln versorgen können.

"Leben vollkommen umgekrempelt"

Die Wirtschaft ist am Boden, und vielen Menschen geht es schlecht, während die Taliban ihre - wie sie sagen - Unabhängigkeit feiern. Apotheker Ali Reza Amini gerät wieder in Rage, wenn man ihn auf dieses neue "Islamische Emirat" anspricht:

Das Ganze hat unser Leben vollkommen umgekrempelt. Alle Errungenschaften der letzten 20 Jahre wurden von den Taliban abgeschafft, ganz oder teilweise: Meinungsfreiheit, die Pressefreiheit, Frauen im Beruf und so weiter. Man darf keine Musik mehr hören, es gibt keine Partys mehr und das Leben ist nicht mehr dasselbe wie vor drei Wochen. Und aus meiner Sicht, als nicht so gottesfürchtiger Mensch, wäre das Leben in einem Taliban-Regime unter der islamischen Scharia sehr hart. Sie haben zwar noch nicht begonnen, die Scharia streng umzusetzen, aber ich weiß ja, wie das vor 20 Jahren war. Deshalb wollen viele Afghanen einfach nur aus diesem Land fliehen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 02. September 2021 um 13:14 Uhr.