Autos fahren um ein Gebäude mit Taliban-Flagge in Kundus. | AP

Kämpfe in Afghanistan Taliban erobern Kundus

Stand: 08.08.2021 18:50 Uhr

Insgesamt fünf Provinzhauptstädte sind inzwischen an die militant-islamistischen Taliban gefallen - nun auch Kundus. Die Islamisten eroberten wichtige Gebäude der Stadt. In der Nähe gab es früher ein Feldlager der Bundeswehr.

Die militant-islamistischen Taliban haben in Afghanistan die Provinzhauptstadt Kundus im Norden des Landes eingenommen. Die Stadt sei nach heftigen Kämpfen gefallen, bestätigten drei Provinzräte der Nachrichtenagentur dpa.

Kundus wurde seit langem von Taliban-Kämpfern belagert. In den vergangenen zwei Tagen hätten die Islamisten ihre Angriffe intensiviert, sagten die Provinzräte. Abgesehen von einer Militärbasis rund drei Kilometer vom Stadtzentrum und dem Flughafen kontrollierten die Taliban nun die ganze Stadt. Sie hätten die wichtigsten Regierungseinrichtungen in Kundus übernommen. Die Menschen hätten weder Wasser noch Essen und hielten sich in ihren Häusern versteckt.

Bundeswehr jahrelang in der Stadt stationiert

In Deutschland ist Kundus vor allem bekannt, weil die Bundeswehr jahrelang in der Nähe ein großes Feldlager hatte. Nirgendwo in Afghanistan fielen mehr Deutsche als in Kundus und der Nachbarprovinz Baghlan. Im Vorjahr waren im "Camp Pamir" noch etwa 100 deutsche Soldaten stationiert. In genau diese Militärbasis in der Nähe des Flughafens, die jetzt das 217. afghanische Armeekorps beherbergt, hätten sich nun Sicherheitskräfte und Regierungsvertreter zurückgezogen, sagte Provinzrat Amruddin Wali.

Als "totales Chaos" beschrieb Einwohner Schekib Salarsai der dpa am Telefon die Situation. Er ist einer von 370.000 Menschen, die in der Großstadt zu Hause sind. "Die Leute von der Regierung sind geflohen", sagte er. Die Taliban hätten Häftlinge aus dem Gefängnis entlassen, die Straßen seien gesperrt. "Keiner kann die Verletzten in die Krankenhäuser bringen." In verschiedenen Teilen brennt die Stadt.

Der Verlust von Kundus wiegt für Afghanistans Regierung schwer. Die Stadt ist ein wichtiges Handelszentrum nahe der Grenze zum Nachbarland Tadschikistan. Die Taliban hatten sie bereits 2015 und 2016 kurzzeitig eingenommen. Beide Male wurden die Islamisten mit US-Luftangriffen zurückgedrängt.

Karte von Afghanistan mit den Städten

Von den Taliban eroberte Provinzhauptstädte in Afghanistan

Zwei weitere Provinzhauptstädte erobert

Zudem eroberten die Taliban zwei weitere Provinzhauptstädte im Norden Afghanistans. Die Extremisten hätten Talokan überrannt, die Hauptstadt der Provinz Tachar im Norden des Landes, erklärten zwei Abgeordnete aus der Region. Nach einer vierwöchigen Belagerung hatten die Taliban bereits zuvor Teile der Stadt unter ihre Kontrolle gebracht.

Auch Sar-i Pul in der gleichnamigen Provinz fiel den Provinzräten zufolge an die Islamisten. Demnach haben die Taliban auch dort die wichtigsten Regierungsgebäude unter ihrer Kontrolle. Alle Vertreter der Regierung hätten sich in eine Militärbasis rund einen Kilometer vom Zentrum der Stadt mit etwa 180.000 Einwohnern zurückgezogen, die belagert sei. Die Taliban feuerten Mörsergranaten auf die Basis.

Der Provinzrätin Massuma Schadab zufolge liegen mehrere Leichen in den Straßen. Es traue sich aber niemand, diese zu bergen. Die Provinz, in der Ölvorkommen gefördert werden, grenzt unter anderem im Osten an die Provinzen Balch mit der Hauptstadt Masar-i-Scharif und im Norden an die Provinz Dschausdschan. Die Regierung halte in der Provinz nur noch den Bezirk Balchab, sagten die Provinzräte weiter

Am Freitag war bereits die kleine Provinzhauptstadt Sarandsch in Nimrus an der iranischen Grenze praktisch kampflos an die Taliban gefallen. Am Samstag folgte die Stadt Schiberghan in Dschausdschan im Norden. Somit sind binnen drei Tagen fünf Provinzhauptstädte im Land von den Taliban überrannt worden.

Auswärtiges Amt: Verschlechterung der Sicherheitslage

Mit Blick auf die Entwicklungen in Afghanistan sieht das Auswärtige Amt eine zunehmende Verschlechterung der Sicherheitslage in dem Land. Ein Ministeriumssprecher sagte der Nachrichtenagentur dpa, die Situation entwickle sich rasant. Bereits in der Vergangenheit sei der so genannte Asyllagebericht aktualisiert worden, falls dies erforderlich war. "Auch mit Blick auf die aktuellen Entwicklungen wird derzeit eine Aktualisierung des Asyllageberichts vorbereitet."

Die Bundesregierung hatte zuletzt deutlich gemacht, dass für sie ein genereller Abschiebestopp für Menschen aus Afghanistan derzeit nicht infrage kommt. Der aktuelle Asyllagebericht des Auswärtigen Amts stellt zwar eine stärkere Gefährdung bestimmter Gruppen durch den Vormarsch der Taliban fest, aber keine generelle Gefährdung von Rückkehrern. Er bildet allerdings den Stand im vergangenen Mai ab - also kurz vor dem Beginn des Abzugs der ausländischen Truppen.

Starke Gebietsgewinne

Seitdem haben die Taliban in mehreren Offensiven massive Gebietsgewinne verzeichnet. Sie kontrollieren mittlerweile mehr als die Hälfte der rund 400 Bezirke des Landes und auch mehrere Grenzübergänge. Zuletzt verlagerten sich die Kämpfe zunehmend in die Hauptstädte der 34 Provinzen.

Die US-Militärmission in Afghanistan endet am 31. August. Der Abzug ist US-Angaben zufolge zu mehr als 95 Prozent abgeschlossen. Dem afghanischen Verteidigungsministerium zufolge fliegen die USA dennoch weiter Luftangriffe in dem Land. Ein Taliban-Treffen in der Stadt Schiberghan sei mit B-52-Bombern angegriffen worden, teilte ein Sprecher auf Twitter mit.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 08. August 2021 um 10:00 Uhr.