Kinder tragen an einer schneebedeckten Straße Behälter, um Trinkwasser zu holen. | AFP

Kältewelle in Afghanistan Afghanistan kämpft gegen extreme Kälte

Stand: 20.01.2023 12:07 Uhr

Seit Tagen leidet Afghanistan unter Extremkälte: Bei Temperaturen von teils unter -30 Grad starben bislang fast 80 Menschen. Hinzu kommen Not und Hunger - und die erschwerten Bedingungen für Hilfsorganisationen.

Peter Hornung ARD-Studio Neu-Delhi

Sie steht mit vielen anderen Frauen vor dem Gebäude der Hilfsorganisation Roter Halbmond: Shila, Mutter von zehn Kindern. Normalerweise sind Lebensmittel das Wichtigste, was sie braucht. Jetzt aber ist es Brennholz: "Wir können es uns nicht leisten, im Winter Brennholz zu kaufen, um unser Haus zu heizen. Wir haben nicht einmal eine Heizung in unserem Haus", sagt sie dem afghanischen Nachrichtensender Tolonews. Seine Familie, sagt der Kabuler Ahmad, habe nur eine Decke, unter der alle schliefen.

Irgendwo Wärme finden

Es sind Temperaturen, die selbst für die kalten Winter Afghanistans ungewöhnlich sind: In Kabul hat es nachts bis zu -18 Grad, anderswo in Zentral- und Nordafghanistan deutlich unter 30 Grad minus. Jeder versucht, irgendwo Wärme zu finden - mit Lagerfeuern und Öfen. Wer es sich leisten kann, hat eine Gasflasche und einen kleinen Brenner.

Die Kältewelle habe das ganze Land erfasst und werde bis nächste Woche anhalten, sagt ein Sprecher des afghanischen Wetteramtes.

Fast 80 Tote durch die Kälte

In den vergangenen zehn Tagen seien durch die extreme Kälte fast 80 Menschen gestorben, sagt Shafiullah Rahimi, Sprecher des afghanischen Ministeriums für Katastrophenschutz. Mehr als 75.000 Nutztiere, Ziegen, Kühe und Lämmer, seien verendet.

Schnelle Hilfe stehe jetzt im Vordergrund, sagt Rahimi. "Unser Ministerium hat in Zusammenarbeit mit anderen staatlichen Einrichtungen mindestens eine Million Menschen mit Nahrungsmitteln und Bargeld versorgt."

Viele leiden ohnehin schon Not

Die Kältewelle trifft Afghanistan in einer Zeit, in der viele Menschen ohnehin schon Not leiden. Millionen Menschen sind unterernährt, viele hungern. Seit der Machtübernahme der Taliban kommt deutlich weniger internationale Hilfe ins Land.

Vor knapp vier Wochen verboten die Radikalislamisten, Frauen bei Hilfsorganisationen zu beschäftigen. Das habe die Hilfe für die Bevölkerung deutlich erschwert, sagt Rina Mattinson von der Deutschen Welthungerhilfe. "Die wirtschaftliche Situation ist schwierig, und ich glaube, jemand hat gesagt, dass man von den Armen stehlen muss, um die Ärmsten zu ernähren. Denn es gibt einfach nicht genug Hilfe."

Probleme für Hilfsorgansationen

Die Deutsche Welthungerhilfe hat - wie viele andere NGOs im Land - ihre Tätigkeit nach dem Verbot der Taliban vorübergehend eingestellt. Ohne Frauen könne man Hilfe nicht gerecht verteilen, das sei klar - dennoch sei es eine extrem schwierige Situation für die humanitären Helfer.

"Ich bin mir sehr bewusst, dass es bedeutet, dass Kinder diese Woche nichts zu essen bekommen", so Mattinson. "Aber die Taliban haben uns in eine Lage gebracht, in der wir entscheiden müssen: Geben wir einer begrenzten Anzahl von Menschen diesen Monat keine Hilfe und muten ihnen die Konsequenzen zu, in der Hoffnung, dass sich etwas ändert? Oder nehmen wir einfach hin, was passiert, und die Hälfte der Bevölkerung, die Frauen nämlich, werden auf unbestimmte Zeit in dieser Situation sein?"

Kältewelle hält an

Jetzt in dieser Kältewelle sei es an der Zeit, so deutsche Diplomaten, dass die Taliban ihre jüngsten Verbote endlich überdenken - damit die internationalen Hilfsorganisationen wieder allen Afghaninnen und Afghanen in Not helfen können.

Die Kältewelle jedenfalls hält an. Für dieses Wochenende sind erneut Temperaturen bis zu -35 Grad vorhergesagt.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 20. Januar 2023 um 11:50 Uhr.