Gefangene in Afghanistan | AP

UN-Bericht Folter in afghanischen Gefängnissen

Stand: 08.02.2021 05:07 Uhr

Schläge, Elektroschocks, Schlafentzug, sexuelle Gewalt: Ein UN-Bericht prangert schockierende Zustände in den Gefängnissen Afghanistans an. Eine Provinz sticht besonders hervor.

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Neu-Delhi, zzt. Hamburg

Häftlinge in afghanischen Gefängnissen, die wegen möglicher Terroraktivitäten in Untersuchungshaft sind oder Haftstrafen verbüßen, werden nach einem Bericht der Vereinten Nationen gefoltert. Etwa ein Drittel der Häftlinge sei Misshandlungen ausgesetzt, hieß es in einem in der vergangenen Woche veröffentlichten gemeinsamen Bericht der UN-Mission in Afghanistan UNAMA und des UN-Hochkommissars für Menschenrechte.

Bernd Musch-Borowska ARD-Studio Neu-Delhi

Aufgelistet wurden in dem Bericht Schläge, Elektroschocks, Schlafentzug und sexuelle Gewalt. Die UN-Vertreter hatten dafür zwischen Januar 2019 und März 2020 656 Häftlinge in mehr als 60 Gefängnissen im ganzen Land befragt. Danach habe die Recherche wegen der Corona-Pandemie eingestellt werden müssen, hieß es.

Besonders schlimm sei es in der südlichen Provinz Kandahar. Dort hätten fast 58 Prozent aller Häftlinge Misshandlungen durch die Polizei beklagt.

Gefangene in Afghanistan. | AFP

Häftlinge in einem Gefängnis in Kabul. Bild: AFP

Schockierende Zustände

Folter sei nach afghanischem und internationalem Recht weder erlaubt, noch gerechtfertigt, sagte UNAMA-Chefin Deborah Lyons, anlässlich der Vorstellung des Berichts. Es sei dringend geboten, solche Taten strafrechtlich zu verfolgen, um das Vertrauen in die Rechtsstaatlichkeit zu stärken.

Auf Filmmaterial, das die Nachrichtenagentur "AP" verbreitete, waren die schlimmen Zustände in einem Gefängnis in Kabul zu sehen. Hinter den Gitterstäben waren völlig überfüllte Zellen zu sehen. Ein früherer Häftling, der seinen Namen mit Hayatullah angab, berichtete von seinen Erlebnissen.

Er sei nach seiner Festnahme gezwungen worden, mit Waffen vor der Kamera zu posieren, damit er der Öffentlichkeit als Terrorist präsentiert werden konnte. Was er aber nicht sei, so Hayatullah. Er sei mit Elektroschocks gefoltert worden und mit dem sogenannten Water-Boarding, indem man ein feuchtes Tuch über sein Gesicht gelegt und das Gesicht mit Wasser übergossen habe. Er habe dann alles zugegeben, was von ihm verlangt worden sei.

Von der afghanischen Regierung gab es noch keine Stellungnahme zu dem UN-Bericht.

Kein Zugang zu Taliban-Gefängnissen

Sollten diese Vorwürfe zutreffend sein, so der stellvertretende Polizeichef von Kandahar, General Farid Ahmad Mashal, sei dies bestürzend. In seinen Gefängnissen käme so etwas nicht vor, sagte er einem Reporter der Nachrichtenagentur "AP". Es würden alle Vorschriften eingehalten.

Zu Gefängnissen der Taliban hatten die UN keinen Zugang. Im UNAMA-Bericht im Jahr 2019 wurden jedoch auch Misshandlungen von Gefangenen der Taliban aufgeführt.

Im Zuge der Friedensgespräche hatten die Taliban und die afghanische Regierung im vergangenen Jahr Tausende Gefangene ausgetauscht. So wurden den Angaben zufolge etwa 5000 Taliban freigelassen und im Gegenzug rund 1000 afghanische Sicherheitskräfte.

Zahlreiche Menschenrechtsverletungen

Die Taliban bestanden darauf, dass auch zahlreiche Anführer ihrer Einheiten aus afghanischen Gefängnissen freikommen. Auch solche, die für schwere Anschläge verantwortlich gewesen sein sollen, bei denen Hunderte Zivilisten ums Leben kamen.

Auch die internationalen Truppen haben in Afghanistan Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen begangen. So wurde im vergangenen Jahr aufgedeckt, dass australische Soldaten während ihres Anti-Terror-Einsatzes zwischen 2009 und 2013 vorsätzlich Gefangene erschossen haben sollen. Und der internationale Strafgerichtshof in Den Haag ICC hat trotz Widerstands und Sanktionen von Seiten der US-Regierung, eine Untersuchung wegen Kriegsverbrechen der US-Streitkräfte in Afghanistan eingeleitet.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 08. Februar 2021 um 07:42 Uhr.