Leere Plätze für weibliche Studenten im Mirwais Neeka Institute of Higher Education in Kandahar (Afghanistan). | EPA

Afghanistan nach dem Hochschulverbot Die Wut der Frauen auf die Taliban

Stand: 21.12.2022 14:53 Uhr

Die Taliban haben die Frauenrechte weiter eingeschränkt: Afghaninnen dürfen nicht mehr Universitäten und Hochschulen besuchen. Die Studentinnen reagieren mit Unverständnis und Wut.

Von Peter Hornung, ARD-Studio Südasien

Es ist ein Dokument mit nur einem Satz, aber es beendet auch die letzten Hoffnungen von unzähligen jungen Frauen in Afghanistan. Vor weniger als drei Monaten hatten Tausende von ihnen im ganzen Land Aufnahmetests absolviert. Lehramt oder Medizin wollten viele von ihnen studieren.

Peter Hornung ARD-Studio Neu-Delhi

Auf Grundlage eines Kabinettsbeschlusses, heißt es nun in dem an alle Universitäten und privaten Einrichtungen adressierten Papier, werde die Hochschulbildung von Frauen ausgesetzt - ausdrücklich mit sofortiger Wirkung. Unterschrieben ist es von Scheich Nada Mohammed Nadim, dem amtierenden Bildungsminister der Taliban. Einem Mann, der wohl dem obersten Talibanführer nahesteht.

Der oberste Talibanführer heißt Haibatullah Achundzada, und gegen seine radikalen Anweisungen sind mutige Afghaninnen in den vergangenen Wochen und Monaten immer wieder auf die Straße gegangen - unter großer Gefahr.

Wütende Studentinnen in Kabul

Am Morgen in Kabul: Einige Studentinnen, alle mit Gesichtsschleier, lassen sich filmen von einem Kameramann der Nachrichtenagentur AP. "Macht Bildung nicht politisch", rufen die Frauen. Und sie meinen damit, dass die Taliban sie nicht für ihre Zwecke missbrauchen sollen. Eine der Studentinnen spricht ins Mikrofon: "Wieder einmal wird Frauen verboten, in die Uni zu gehen. Wir aber lassen uns nicht auslöschen." Sie sind wütend und enttäuscht.

Ähnlich fühlt Lehrerin Leila, die eigentlich anders heißt. Sie schickt WhatsApp-Nachrichten an das ARD-Studio Südasien und gibt sich kämpferisch.

"Wir protestieren zusammen mit allen Frauen, die nicht wollen, dass ihnen jemand das Recht auf Bildung und Lernen nimmt", schildert sie. Man habe sich zusammengetan, um Nein zur Diktatur der Taliban und ihrer Brutalität zu sagen. "Wir wollen gehört werden von der internationalen Gemeinschaft. Auch weil uns die Taliban sicher noch weiter einschränken werden."

Frauenrechte immer weiter beschnitten

Tatsächlich wurden in den vergangenen Wochen und Monaten die Rechte von Frauen und Mädchen immer weiter beschnitten. Schon seit der Machtübernahme dürfen weibliche Teenager nicht mehr in die Schule. Dieses Jahr wurde Frauen verboten, ohne männlichen Aufpasser zu reisen. Sie müssen ihr Gesicht vollständig verhüllen, zuletzt wurde ihnen auch untersagt, in Parks zu gehen oder in Sportstudios.

Die Universitäten und Hochschulen bildeten noch ein Stück Hoffnung. Im Februar dieses Jahres wurden sie für Frauen wiedereröffnet. Studentinnen waren seither strikt getrennt von männlichen Studenten. Sie durften nur von Frauen unterrichtet werden oder von alten Männern. Das Dekret des Bildungsministeriums hat dem ein Ende bereitet.

Internationale Vertreter üben scharfe Kritik

Scharfe Kritik kommt unter anderem von Human Rights Watch. Eine beschämende Entscheidung, urteilte die Menschenrechtsorganisation. Der Sprecher von UN-Generalsekretär Antonio Guterres teilte mit, es sei ein weiteres gebrochenes Versprechen der Taliban.

"Seit ihrer Machtübernahme und auch in den letzten Monaten haben wir gesehen, dass der Raum für Frauen immer kleiner wird, nicht nur in der Bildung, sondern auch beim Zugang zu öffentlichen Bereichen und ihrem Ausschluss aus der Öffentlichkeit", erklärte Stéphane Dujarric, UN-Sprecher. "Das ist ein weiterer sehr beunruhigender Schritt." Es sei schwer vorstellbar, wie das Land sich entwickeln könne, wie es mit all seinen Herausforderungen umgehen könne, ohne die aktive Beteiligung von Frauen und ihre Bildung.

"Tiefpunkt in der Verletzung der Menschenrechte"

In New York äußerte sich auch der afghanische Vertreter bei den Vereinten Nationen, Naseer Ahmad Faiq. Er vertritt die vergangenes Jahr gestürzte Regierung, weil das Taliban-Regime noch immer nicht international anerkannt ist. Er kritisiert die Radikalislamisten schwer. "Als ob die Situation nicht schon schlimm genug wäre, markiert diese Ankündigung nun einen neuen Tiefpunkt in der Verletzung der grundlegendsten und universellen Menschenrechte für die gesamte Menschheit", sagte Faiq.

Kritik an den Taliban kam auch aus Washington. Ein Sprecher des US-Außenministeriums kündigte an, dass die Taliban für diese Maßnahme in den nächsten Tagen zur Rechenschaft gezogen würden.

Herrschaft der Taliban sei "zivilisationsfeindlich"

Die Lehrerin Leila kann ihre Wut kaum unterdrücken. "Der Ausschluss der Frauen von der Bildung steht im völligen Widerspruch zu den Grundsätzen unserer islamischen Kultur und den Werten unserer Gesellschaft und zeigt die Ignoranz der Taliban", sagt sie. Ihre Herrschaft sei zivilisationsfeindlich. Das afghanische Volk werde eine solche Missachtung seiner Töchter nicht dulden. "Die Taliban haben einmal mehr gezeigt, dass ihre Bewegung nicht nur gegen das afghanische Volk, sondern auch gegen die ganze Menschheit gerichtet ist."

Warum die Taliban gerade jetzt dieses Verbot erlassen haben, ist bislang nicht bekannt. Eine Begründung für das radikale Vorgehen steht in dem Dekret nämlich keine.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 21. Dezember 2022 um 13:19 Uhr.