Ein Mädchen blickt aus einer Menschenmenge verschleierter Frauen in Kabul heraus. | REUTERS
Interview

Frauenrechtlerin in Afghanistan "Mein Gesicht bedecke ich nicht"

Stand: 02.02.2022 07:01 Uhr

"Wir haben das Recht, frei zu leben", sagt eine afghanische Juristin, die gegen die Vorschrift der Taliban zum Burka-Tragen protestiert. Im Interview schildert sie, was geschah, seit sie an Demonstrationen teilgenommen hat.

ARD: Sie waren Teil einer Frauengruppe, die gegen die Burka-Kampagne der Taliban protestiert hat. Die Taliban propagieren, dass Frauen die Burka tragen sollen. Warum protestieren Sie dagegen?

Zara: An diesem Tag wollten wir eigentlich vor dem ehemaligen Frauenministerium (heute Sitz des Ministeriums zur Förderung der Tugend und zur Verhütung des Lasters, Anmerkung der Redaktion) gegen diese Kampagne protestieren, aber die Taliban haben das leider nicht zugelassen. Danach haben wir den Ort gewechselt. Die Taliban sind auch dort aufgetaucht. Sie sagten uns: "Wenn ihr den Protest fortsetzt, werden wir auf euch schießen." Wir aber haben weitergemacht. Wir protestieren, weil wir einen Job wollen. Wir wollen unsere Freiheit und wir protestieren für Regierungsbeteiligung der Frauen.

Wir sind gegen das von den Taliban verhängte Burka-Gebot. Die Taliban sagen, dass eine Frau nicht ohne einen erwachsenen männlichen Verwandten als Begleiter aus dem Haus gehen darf. Das haben sie sogar den Taxifahrern erklärt: Die dürfen Frauen ohne männliche Begleitung von Familienmitgliedern nicht mehr ins Taxi lassen. Deshalb protestieren wir. Denn was macht eine Frau, wenn sie keinen männlichen Begleiter der Familie hat? Wie kann sie dann das Haus verlassen? Die Taliban haben zwei Frauen verhaftet und uns gedroht, der sogenannte Islamische Staat würde uns töten. Wir hatten große Angst.

Zur Person

"Zara" trägt eigentlich einen anderen Namen, der der Redaktion bekannt ist. Die 26-Jährige hat an mehreren Frauenprotesten in Kabul teilgenommen. Sie lebt aus Angst vor den Taliban versteckt.
      
Zara hat in Afghanistan Jura mit Spezialisierung auf das islamische Rechtssystem der Scharia studiert. Vor der Machtübernahme der Taliban hat sie als Strafverteidigerin gearbeitet, nach einer Zusatzausbildung in Volkswirtschaft gab sie Trainingskurse für Frauen in der Wirtschaft. Inzwischen hat sie ihre Arbeit verloren und kein Einkommen mehr.

"Noch keine Strafe angekündigt"

ARD: Warum zwingen die Taliban Frauen, Burka zu tragen?

Zara: Sie sagen, es sei islamisches Gesetz. Aber das ist nicht so. Wir sind Musliminnen, wir tragen den Hidschab (ein Kopftuch, das die Haare vollständig bedeckt, Anmerkung der Redaktion), aber nicht die Burka (Ganzkörperverhüllung).

ARD: Was würde passieren, wenn Frauen die Burka nicht tragen? Haben die Taliban eine Bestrafung dafür angekündigt?

Zara: Bis jetzt haben sie noch keine Strafe angekündigt. Aber vor 20 Jahren haben sie die Frauen ausgepeitscht. Vielleicht haben sie das erneut vor.

ARD: Sie tragen keine Burka, sehen Sie das als eine Art Widerstand?

Zara: Ja, denn als Menschen sind wir frei, und wir haben das Recht, frei zu leben. Auch aus islamischer Sicht gibt es nichts, was das Tragen einer Burka rechtfertigt.

"Wir akzeptieren den Burka-Zwang nicht"

ARD: Aber die Burka gehört in Afghanistan zum traditionellen Lebensstil, vor allem auf dem Land. Warum akzeptieren Sie das nicht?

Zara: Diese Frauen leben in einer anderen Situation. Wir akzeptieren das nicht.

ARD: Würden Sie ohne Kopfbedeckung das Haus verlassen?

Zara: Ich trage den Hidschab. Mein Gesicht bedecke ich nicht.

"Wissen nicht, wo verhaftete Frauen sind"

ARD: Sie verstecken sich zu Hause. Was befürchten Sie von den Taliban?

Zara: Wir Frauen sind bedroht. Ich habe eine Nachricht von den Taliban bekommen, in der sie sagen, dass sie nach denjenigen suchen, die gegen die Burka-Kampagne der Taliban protestieren.

ARD: Was ist mit den Frauen passiert, die im Januar bei den Protesten verhaftet wurden?

Zara: Wir haben keine Informationen und wissen nicht, wo sie sind.

ARD: Gab es weitere Razzien der Taliban nach den Protesten?

Zara: Ich weiß nicht, was sie vorhaben. Vor ein paar Tagen gab es eine Gegendemonstration. Die Teilnehmer waren Männer. Sie sagten, Frauen, die protestierten, folgten der westlichen Kultur und seien keine Musliminnen.

"Taliban halten nicht, was sie versprechen"

ARD: Wie denken Sie über die Situation der afghanischen Frauen unter den Taliban?

Zara: Ich weiß, dass die Taliban nicht das halten, was sie versprechen, wenn es um die Rechte von Frauen geht. Sie haben die Schulen und Universitäten geschlossen. Jedes Mal, wenn sie sagten, wir werden die Schulen in zehn Tagen öffnen, haben sie das zurückgenommen. Sie haben auch versprochen, dass sie die Universitäten in ein paar Tagen öffnen werden. Auch das haben sie bisher nicht getan.

Ich denke, wenn es so weitergeht, sieht die Zukunft für Frauen nicht gut aus. Dabei machen sie doch die Hälfte der Gesellschaft aus. Sie müssen in der Politik, in der Mode, im Finanzwesen, in allen Bereichen der Gesellschaft mitwirken. Wenn sie diese Teilhabe, dieses Recht nicht bekommen, kann es in dem Land nicht aufwärts gehen.  

Das Interview führte Sibylle Licht, ARD-Studio Neu-Delhi

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 17. Dezember 2021 um 16:12 Uhr.