Eine afghanische Frau auf der Flucht | AFP

Frauen in Afghanistan "Ich weine die ganze Zeit"

Stand: 18.08.2021 17:59 Uhr

Viele Menschen in Afghanistan stehen unter Schock. Vor allem Frauen fürchten sich vor den Taliban, viele verkriechen sich und sehen sich zur Flucht gezwungen.

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu-Delhi

Vor dem Flughafen in Kabul ist sie laut: Die Panik, die Verzweiflung der Menschen, die ihr Land verlassen wollen, weil sie Angst vor den Taliban haben. Der Schock bei vielen Menschen im Land, die nicht damit gerechnet haben, dass die Taliban so schnell oder jemals wieder an die Macht kommen, ist oft leise und unbemerkt.

Silke Diettrich ARD-Studio Neu-Delhi

Denn viele verstecken sich - bei Freunden und entfernten Verwandten. Oder gehen gar nicht mehr aus dem Haus, wie eine junge Studentin, die wir hier Malala nennen. Sie möchte nicht, dass ihr wahrer Name genannt wird. So groß ist die Angst vor den Taliban: "Alle meine Freunde sind völlig fertig", erzählt sie über WhatsApp.

Jedes Mal, wenn wir über Videocall sprechen, dann sehe ich, dass sie weinen. Ich habe seit Tagen kein einziges normales Gespräch mehr führen können mit meinen Freunden. Ich kann verstehen, dass sie weinen, ich tue das auch die ganze Zeit.

Sie kennt nur ein Land ohne Taliban-Herrschaft

Malala ist 20 Jahre alt, in dem Jahr geboren, als die NATO-Truppen in ihr Land kamen. Bislang kannte sie die Taliban nur aus Erzählungen ihrer Mutter oder von Videos. Jetzt sieht sie die bewaffneten Islamisten aus ihrem Fenster heraus unten auf der Straße patrouillieren:

Ich glaube nicht, dass sie sich geändert haben. Sie sind doch immer noch die Gleichen wie früher. Ich glaube kaum, dass ich in ihrem Regime leben kann. Und das zerbricht mir das Herz, denn ich liebe mein Land und ich will weder meine Stadt noch meine Leute hier verlassen.
Männer vor der französischen Botschaft in Kabul | AFP

Kabul heute: Vor einem Wandbild mit Gesichtern von Frauen an der französischen Botschaft sitzen mehrere Männer. Bild: AFP

"Hier gibt es keine Zukunft für uns"

So geht es hinter verschlossenen Türen vielen Menschen in Afghanistan. Madschid Saddad hat jahrelang mit den Deutschen Truppen im Norden des Landes, in Masar-i-Scharif, zusammengearbeitet. Er war der Leiter des zivilen Flughafens dort. In Anzug und Krawatte war er sogar nachts im Tower mit dabei, als der letzte Flieger der Bundeswehr Ende Juni seine Stadt verlassen hat. Nun fliegt keine einzige Maschine mehr von seinem Flughafen.

Saddad will nun versuchen, über den Kabuler Flughafen sein Land zu verlassen: "Ich habe einfach meine Familie ins Auto gepackt und wir sind stundenlang von Masar-i-Scharif bis nach Kabul gefahren. Wir mussten durch mehr als 100 Checkpoints der Taliban durch. Ich habe einen Turban und meine Sandalen angezogen. Hier gibt es keine Hoffnung mehr, keine Zukunft für uns."

Enttäuschung über die USA

Auch wenn die Taliban versprechen, dass sie keine Vergeltung üben, dass Frauen auch weiterhin studieren und arbeiten können. Afghanistan mit einer islamistischen Regierung und Ideologie, das können sich viele, die in einer - wenn auch fragilen - Demokratie groß geworden sind, nicht mit sich vereinbaren. Malala hat immer große Stücke auf den Westen gehalten. Dieser Abzug aber, sagt sie, sei ein Schlag ins Gesicht für alle Afghaninnen und Afghanen: 

Der US-Präsident hat gesagt: Wir haben das erreicht, was wir erreichen wollten in Afghanistan. Ich frage: Ist dieses Chaos, was sie hier hinterlassen haben, das, was sie erreichen wollten? Wir hier haben uns nicht einfach aufgegeben!

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 18. August 2021 um 18:11 Uhr.