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Journalist zur Lage in Kabul "Es ist unerwartet ruhig"

Stand: 27.08.2021 12:06 Uhr

Nach den Selbstmordanschlägen am Flughafen in Kabul ist die Lage in der afghanischen Hauptstadt derzeit offenbar relativ ruhig. "Die Taliban halten sich noch zurück", berichtet der Journalist Franz Marty im tagesschau24-Interview.

Die verheerenden Selbstmordanschläge vor dem Flughafen in Kabul haben vermutlich mehr als 100 Menschen das Leben gekostet - darunter 13 US-Soldaten. Dabei sei die Situation in der Stadt selbst relativ ruhig, sagte der freie Journalist Franz Marty, der sich in Kabul befindet, im Interview mit tagesschau24.

"Es war nicht der erste Anschlag in Kabul und leider haben sich die Menschen daran gewöhnt", erklärte er. Während es am unmittelbaren Tatort zu chaotischen Szenen gekommen sei, sei das Leben anderenorts "halbwegs normal" weiter gegangen. Viele Menschen blieben aus Angst aber auch seit Tagen zu Hause.

Unklar, wie es weitergeht

Die Taliban seien überall in der Stadt präsent und hätten Checkpoints errichtet, aus Martys Erfahrung heraus könne man sich aber noch relativ frei bewegen. "Die Taliban halten sich noch zurück. Sie haben zwar angekündigt, den Staat umzubauen und neue Gesetze zu erlassen, aber was sie genau wollen, ist noch unklar."

Ausländischen Reportern hätten die Taliban die weitere Ausübung ihrer Arbeit zugesagt und "bislang auch noch nicht in die Berichterstattung eingegriffen". Unter afghanischen Journalisten hätte es aber durchaus schon Fälle von zerstörter Ausrüstung oder Schlägen gegeben. "Aber auch dort gibt es bislang noch keinen flächendeckenden Eingriff in die Arbeit." Wie es in Zukunft sein werde, könne man allerdings nicht sagen, so Marty.

"Gefahr von Anschlägen insgesamt kleiner geworden"

Außerhalb von Kabul sei die Lage ähnlich wie in der Hauptstadt. Auch in Provinzstädten sei es unerwartet ruhig. Es habe zwar Berichte etwa über Racheakte an ehemaligen Sicherheitskräften gegeben, diese bezögen sich aber meist auf Vorfälle, die vor dem Fall von Kabul stattgefunden hätten. "Solche Racheakte sind bislang nicht systematisch und nicht flächendeckend", berichtete Marty.

In einigen ländlichen Gebieten hätten die Taliban aber bereits vor einiger Zeit striktere Regeln eingeführt wie etwa eine männliche Begleitperson für Frauen oder ein Musizierverbot.

Trotz der Selbstmordattentate vor dem Flughafen mit vielen Toten sei die Gefahr von Anschlägen insgesamt mit der Machtübernahme der Taliban kleiner geworden, so Martys Einschätzung. Zuvor habe man Anschläge auch aus Richtung der Taliban fürchten müssen. Der sogenannte Islamische Staat aber, der die gestrigen Attacken für sich reklamiert hatte, sei nur eine kleine Randgruppe.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 27. August 2021 um 09:00 Uhr.