Eine Frau kommt im Flüchtlingslager Masar aus einem Eingang, Afghanistan. | Silke Diettrich

Flüchtlinge in Afghanistan "Überleben nur mit Wasser und Brot"

Stand: 23.09.2021 15:15 Uhr

Viele Menschen in Afghanistan sind innerhalb des Landes vor den Kämpfen geflüchtet. Nahe Masar-i-Scharif gibt es ein unterirdisches Flüchtlingslager - in katastrophalem Zustand.

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu-Delhi

Steine, Staub und grauer Sand, soweit das Auge reicht. Und plötzlich: kleine beigefarbene Hügel. Erst auf den zweiten Blick fällt auf, dass unter diesen Hügel Behausungen sind. Dort leben Menschen - unter der Erde. Rund 100 Familien haben sich in dieser kargen Gegend kurz hinter der Stadt Masar-i-Scharif eingegraben, um überleben zu können.

Silke Diettrich ARD-Studio Neu-Delhi

Mehr könnten sie sich nicht leisten, sagt Sheikh Taher. "Wir haben Säcke mit Sand gefüllt, um daraus immerhin eine Art Wand zu bauen." Er habe einfach kein Geld, um Holz zu kaufen und für seine Familie ein richtiges Häuschen zu bauen. "Wenn hier mal Leute vorbeikommen, dann fragen sie uns, wie wir hier überhaupt überleben könnten, einige fangen sogar an zu weinen."

Ein Eingang im unterirdischen Flüchtlingslager Masar, Afghanistan. | Silke Diettrich

Ein Eingang im unterirdischen Flüchtlingslager Bild: Silke Diettrich

Kein Geld für ärztliche Behandlung

Sheikh ist gerade einmal 30 Jahre alt und hat schon tiefe Falten im Gesicht. Auf den wenigen Quadratmetern unter der Erde lebt er mit seiner Frau Maryam, seiner Nichte und mit der kleinen Tochter Nergis.

Maryam sitzt mit Schweiß auf der Stirn auf dem Boden und krümmt sich vor Schmerzen: "Ich bin krank, der Arzt sagt, ich habe Gelbsucht." Sie hätten Medikamente gekauft, aber jetzt kein Geld mehr. "Der Arzt sagt, ich darf nicht mehr zu ihm kommen, weil wir die Behandlung nicht zahlen können."

"Wasser können wir uns kaum noch leisten"

Die kleine Nergis ist fast zwei Jahre alt, sieht aber viel jünger aus. "Wir haben pro Tag gerade mal ein kleines Brot für unsere Kleine, das schneiden wir in Scheiben und legen es ins Wasser, um ihr daraus eine Suppe zu machen. Das ist alles, was wir ihr gerade geben können", sagt Sheikh.

Das Wasser muss Familie Taher wie alle anderen hier kaufen. In dem unteriridischen Flüchtlingslager gibt es nicht einmal eine Pumpe. "Wasser kommt von außerhalb in einem Container hierher. Die schütten das in dieses Loch, wo wir es sammeln", sagt Sheikh. Sie müssten für das Wasser zahlen, aber das könnten sie sich kaum noch leisten und hätten Schulden bei dem Wasserverkäufer.

Frau Maryam zusammen mit ihrem Kind Nergis im Flüchtlingslager Masar, Afghanistan | Silke Diettrich

Frau Maryam zusammen mit ihrem Kind Nergis Bild: Silke Diettrich

Angst vor dem nächsten Winter

Monatelang hat es hier nicht mehr geregnet. In vielen Regionen Afghanistans haben die Menschen mit einer Dürre zu kämpfen. Noch mehr Angst aber hat Familie Taher vor dem nächsten Winter.

Maryam hat Tränen in den Augen, als sie vom vergangenen Winter erzählt. "Es hat so viel geschneit. Ich habe versucht, mit bloßen Händen und einem Teller den Schnee von unserem Plastikplanendach runter zu schaufeln. Dann ist es doch eingebrochen. Ich war schwanger und habe unser Kind bei dem Sturz verloren."

"Wir sterben an Armut und Hunger"

Seit anderthalb Jahren leben die Tahers nun schon mitten in der Steinwüste. Sie mussten aus ihrem Dorf fliehen, weil sie mitten zwischen die Fronten geraten waren: Die Taliban und die ehemalige Regierungsarmee kämpften auch in ihrem Dorf.

Früher hatten sie ein kleines Haus - als Bauer hatte Sheikh immerhin genug verdienen können, um sich und seine Familie zu ernähren: "Wir bitten die Welt um Hilfe, damit wir noch eine Zukunft haben. Helft uns hier oder baut unser Dorf wieder auf. Wir sterben an Armut und Hunger. Selbst wenn wir wieder in unsere Heimat zurückkehren würden, dort steht kein Stein mehr auf dem anderen."

Jede und jeder Dritte in Afghanistan weiß in diesem Moment nicht, wo er oder sie die nächste Mahlzeit herbekommen soll. Die Vereinten Nationen haben alle Mitgliedstaaten aufgefordert, sich nun für die Menschen in Afghanistan "in ihrer dunkelsten Stunde" der Not einzusetzen.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 22. September 2021 um 22:15 Uhr.