Archivbild: Britische Soldaten, die sich an der Evakuierung von Ortskräften in Kabul beteiligen. (August 2021) | picture alliance/dpa/PA Media

Britische Truppen in Afghanistan Dutzende Unbewaffnete erschossen?

Stand: 12.07.2022 17:14 Uhr

Recherchen der BBC deuten auf mögliche Kriegsverbrechen während des Afghanistan-Einsatzes hin. Demnach sollen britische Spezialeinheiten Unbewaffnete bei nächtlichen Razzien erschossen haben.

Einem Bericht der BBC zufolge hat eine britische Spezialeinheit in Afghanistan möglicherweise systematisch unbewaffnete Menschen getötet. Einsatzberichte weisen demnach darauf hin, dass die SAS-Einheit (Special Air Service) in einem Zeitraum von sechs Monaten in den Jahren 2010 und 2011 in der südafghanischen Provinz Helmand mindestens 54 Menschen unrechtmäßig erschoss.

Nachts "kaltblütig" erschossen

Die Tötungen sollen im Rahmen sogenannter "kill or capture raids" stattgefunden haben. Das sind nächtliche Razzien bei Menschen, die als Taliban-Kommandeure oder Bombenbauer verdächtigt wurden. Die unbewaffnete Männer seien bei diesen nächtlichen Razzien regelmäßig "kaltblütig" erschossen worden, berichtete die BBC-Sendung "Panorama" mit Verweis auf vierjährige Recherchen. Den erschossenen Afghanen seien Waffen untergeschoben worden, um die Tötungen zu rechtfertigen, hieß es weiter.

Anlass für die Annahme sei ein Muster "auffallend ähnlicher Berichte" über afghanische Männer gewesen, die nach ihrer Gefangennahme versucht haben sollen, Waffen oder Granaten hinter Vorhängen oder Möbeln hervorzuziehen und dann angeblich aus Notwehr erschossen wurden, hieß es in dem Bericht.

Wurden Ermittlungen behindert?

Der Bericht der BBC basiert auf Gerichtsdokumenten, geleakten E-Mails und eigenen Recherchen vor Ort. Demnach hätten hochrangige britische Offiziere es unerlaubterweise unterlassen, Berichte und Warnungen über das Vorgehen einer bestimmten Einheit an die Militärpolizei weiterzugeben.

Eine Untersuchung größeren Umfangs zu Tötungen in Afghanistan durch britische Militärangehörige wurde im Jahr 2019 beendet, ohne dass kriminelles Verhalten festgestellt wurde. Die BBC berichtete jedoch unter Berufung auf ungenannte Quellen bei der Militärpolizei, dass die Ermittlungen von den Streitkräften behindert worden sein sollen.

Verteidigungsministerium weist Vorwürfe zurück

Das britische Verteidigungsministerium wies die von der BBC erhobenen Anschuldigungen klar zurück. Der Bericht des Senders enthalte "ungerechtfertigte Schlussfolgerungen von Vorwürfen, die bereits vollständig untersucht worden sind".

Unabhängige Ermittler hätten das Verhalten britischer Soldaten während des Afghanistan-Einsatzes bereits untersucht und keine ausreichenden Beweise für eine Strafverfolgung gefunden. "Etwas anderes anzudeuten, ist unverantwortlich, inkorrekt und gefährdet unsere tapferen Angehörigen der Streitkräfte, sowohl auf dem Feld als auch bezüglich ihres Rufes", hieß es in der offiziellen Stellungnahme des Ministeriums.

Zuvor hatte sich bereits ein Ministeriumssprecher ähnlich geäußert und versichert, sollten "neue Beweise ans Licht kommen", werde "die Militärpolizei jegliche Vorwürfe prüfen".

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 12. Juli 2022 um 15:00 Uhr.