Soldaten der afghanischen Armee marschieren bei einer Zeremonie in der Provinz Herat im Oktober 2020 | AFP
Analyse

Eroberung Afghanistans Warum es die Taliban so leicht hatten

Stand: 17.08.2021 16:23 Uhr

Der schnelle Vormarsch der Taliban hat das Versagen der afghanischen Streitkräfte offenbart. Deren Zusammenbruch schien erwartbar. Zu viele strategische Fehler wurden gemacht.

Von Silvia Stöber, tagesschau.de

22 Kampfflugzeuge und 24 Militärhubschrauber mit 585 Soldaten an Bord sollen am Wochenende aus Afghanistan ins benachbarte Usbekistan geflohen sein. Auch Tadschikistan meldete, afghanische Soldaten seien per Flugzeug über die Grenze gekommen. Dabei galt die Luftwaffe der afghanischen Streitkräfte als schlagkräftig im Kampf gegen die Taliban, ebenso wie die 10.000 Mann zählenden Spezialkräfte.

Silvia Stöber tagesschau.de

Doch wie der Rest der afghanischen Streitkräfte überließen sie den Taliban das Land. Diese erbeuteten zudem umfangreiche Ausrüstung, die die USA und deren Verbündete bereitgestellt hatten. Die Amerikaner allein gaben mehr als 90 Milliarden US-Dollar für die afghanischen Sicherheitskräfte aus, so das Ergebnis eines Projektes zu Kriegskosten der Brown University in Providence. Im Nachhinein findet sich eine Reihe an Faktoren, die den Zusammenbruch erwartbar erscheinen ließen.

Bagram ohne Übergabe verlassen

Ein Sinnbild bietet die Aufgabe des Hauptquartiers der US-Streitkräfte und zugleich Luftdrehkreuzes für die NATO-Mission "Resolute Support" in Afghanistan - die Militärbasis Bagram etwa 40 Kilometer östlich von Kabul. Auf dem einstmals schwer bewachten Gelände von der Größe einer Kleinstadt befand sich eine Start- und Landebahn für große Militärflugzeuge mit den dazugehörigen Hallen. Es gab Wohnanlagen, Werkstätten und ein berüchtigtes Gefängnis.

Anfang Juli dann schalteten die letzten Vertreter der US-Streitkräfte den Strom ab und verließen das Gelände mitten in der Nacht - ohne den neuen afghanischen Kommandeur des Stützpunktes zu benachrichtigen. Er habe die Abreise erst zwei Stunden später bemerkt, berichteten afghanische Militärs der Nachrichtenagentur AP. Vor wenigen Tagen dann fiel Bagram in die Hände der Taliban.

Mit den Militärs der internationalen Mission "Resolute Support" zogen auch die zivilen Vertragsfirmen ab, die im Auftrag der USA die Helikopter und anderes militärisches Gerät der afghanischen Streitkräfte gewartet hatten. Darauf verweisen mehrere Militärexperten. Die Versorgung mit nachrichtendienstlichen Erkenntnissen sowie die US-Luftunterstützung seien ebenfalls eingestellt worden. Da die Taliban bei ihrem Vormarsch auch die wichtigsten Straßen blockierten, blieben die Streitkräfte auf ihren Stützpunkten im ganzen Land zunehmend ohne Versorgung.

Außerdem fehlte die politische Unterstützung. Das begann schon mit US-Präsident Donald Trump: Das Abkommen von Doha mit den Taliban im Februar 2020 enthielt keine Auflage über einen Waffenstillstand mit den afghanischen Streitkräften. Im Gegenzug für den Abzug der internationalen Truppen sagten die Taliban lediglich zu, weniger Anschläge zu verüben.

Am Wochenende dann verließ Präsident Ashraf Ghani das Land, ohne einen geordneten Übergang auch nur eingeleitet zu haben. Sein Abflug könne kaum ohne Genehmigung der USA geschehen sein, sagte der Afghanistan-Experte Thomas Ruttig im Interview mit tagesschau.de.

Taliban durch Gespräche aufgewertet

Die Taliban hingegen erfuhren durch Verhandlungen eine Aufwertung. Sie führten nicht erst in den vergangenen Wochen Gespräche mit Vertretern der Länder in der engeren und weiteren Nachbarschaft, darunter Iran, China und Russland. Bereits Ende 2015 erklärte zum Beispiel der russische Sonderbeauftragte des Präsidenten für Afghanistan, Samir Kabulow, man habe Kommunikationskanäle zu den Taliban eingerichtet. Er sprach damals auch von möglichen Waffenlieferungen. Nun ist Russland eines von sehr wenigen Ländern, das seine Botschaft in Kabul weiter betreiben und nur einen kleinen Teil des Personals abziehen will.

Massive Ausbildungsmängel

Doch die Fehler in Bezug die afghanischen Streitkräfte reichen nach Meinung von Afghanistan- und Militärexperten weit zurück. Ruttig zum Beispiel sagte, die westlichen Konzepte seien nicht an die Bedingungen in Afghanistan angepasst gewesen - ein Problem, das auch auf die Ausbildung in anderen Staaten zutrifft.

Moderne Armeen setzen auf eigenständiges Handeln der Soldaten, in traditionellen Gesellschaften wird aber unbedingter Gehorsam gegenüber Vorgesetzten gelehrt. Eine Herausforderung in Afghanistan bestand zudem darin, die verschiedenen Volksgruppen über ethnische Spannungen hinweg unter einem Kommando und im Dienste einer Staatsführung zu vereinen.

Doch die Amerikaner und ihre Verbündeten setzten auf Regionalfürsten und Warlords, die ihre eigenen Interessen verfolgten. Korruption und Vetternwirtschaft erschwerten den Aufbau effektiver Streitkräfte: Kommandoposten wurden nicht nach Kompetenz besetzt, Ressourcen verschwanden mit Folgen für Ausrüstung und Versorgung der Soldaten. Die offizielle Zahl von 300.000 Angehörigen der Streitkräfte wurde nicht erreicht: Viele Posten blieben unbesetzt, weil sich nie genug Rekruten fanden und Soldaten Fahnenflucht begingen.

Auch nach Jahren der Ausbildung blieben die afghanischen Streitkräfte beim Schutz der Zivilgesellschaft auf die Unterstützung der internationalen Truppen angewiesen. Der Kampf gegen die Taliban und andere Extremisten führte insbesondere ab 2014 zu schweren Verlusten. Offizielle Zahlen wurden nicht publiziert, es sollen Zehntausende Opfer sein.

Der Abzug der internationalen Truppen über Nacht habe dann den "afghanischen Streitkräften moralisch die Beine weggezogen", so Ruttig. So erklärt sich die Bereitschaft der afghanischen Sicherheitskräfte, sich aus dem Kampf mit den Taliban zurückzuziehen. Vor den Schwächen der Streitkräfte hatten Fachleute seit längerem gewarnt. Dies auf politischer Ebene zu berücksichtigen und entsprechend zu handeln, hätte auch das Eingeständnis eines massiven Versagens bedeutet.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 16. August 2021 um 12:15 Uhr und tagesschau24 am 17. August 2021 um 16:00 Uhr.