Eine Frau steht mit ihrem Kind auf einem Friehof in Kabul. | EPA

Amnesty-Bericht Inhaftierungen, Folter und Hinrichtungen

Stand: 15.08.2022 08:45 Uhr

Amnesty International hat schwere Menschenrechtsverletzungen in Afghanistan kritisiert. Ein Bericht dokumentiert eine weit verbreitete Straflosigkeit für Verbrechen wie Folter und Morde aus Rache, seit die Taliban vor einem Jahr die Macht übernommen haben.

Die Taliban haben laut einem Amnesty-Bericht entgegen ihrer Ankündigungen nach ihrer Machtübernahme vor einem Jahr schwerste Menschenrechtsverletzungen in Afghanistan begangen. Die radikalislamische Regierung verfolge Minderheiten, schlage friedliche Proteste gewaltsam nieder und unterdrücke Frauen, heißt es in dem Bericht der Menschenrechtsorganisation.

Verbrechen wie Folter, Morde aus Rache und Vertreibungen von Minderheiten blieben oftmals straflos, heißt es in dem Bericht "Die Herrschaft der Taliban: Ein Jahr voller Gewalt, Straflosigkeit und falscher Versprechen". 

"Menschenrechtliche Bilanz ist katastrophal"

Deutschland und andere NATO-Staaten hatten vor gut einem Jahr Afghanistan verlassen. Am 15. August 2021 eroberten die Taliban nahezu kampflos die Hauptstadt Kabul.

"Vor einem Jahr haben sich die Taliban öffentlich dazu verpflichtet, die Menschenrechte zu schützen und zu fördern", erklärte Theresa Bergmann, Asien-Expertin bei Amnesty International in Deutschland. "Ein Jahr später ist die menschenrechtliche Bilanz jedoch katastrophal." Willkürliche Inhaftierungen, Folter, Verschwindenlassen von Menschen oder Hinrichtungen im Schnellverfahren seien an der Tagesordnung.

Journalisten festgenommen und gefoltert

Auch wichtige Errungenschaften der vergangenen 20 Jahre, insbesondere bei den Rechten von Mädchen und Frauen, würden zunichte gemacht, erklärte Bergmann. Ausbildung und Teilhabe am öffentlichen Leben würden ihnen verwehrt. "Sie erfahren in nahezu jedem Lebensbereich systematisch Diskriminierung."

Recherchen von Amnesty zeigen laut dem Bericht, dass die Sicherheitskräfte der Taliban exzessiv Gewalt anwenden, um das Verbot friedlicher Proteste durchzusetzen. Menschenrechtsverteidiger und Aktivisten würden schikaniert, bedroht, inhaftiert und getötet, heißt es in dem Bericht weiter.

Zudem gingen die Taliban gegen die Pressefreiheit vor. Am 19. September 2021 habe das dortige Medien- und Informationszentrum eine Anordnung mit vagen Formulierungen erlassen, die es Journalisten verbiete, Inhalte zu veröffentlichen, die "dem Islam widersprechen" oder "nationale Persönlichkeiten beleidigen". Im vergangenen Jahr seien mehr als 80 Journalistinnen und Journalisten festgenommen und gefoltert worden, weil sie über friedliche Proteste berichteten.

Dutzende Menschen verschwunden

Es gebe zahlreiche Berichte über Taliban-Soldaten, die Afghaninnen und Afghanen verprügelten und folterten, die gegen Erlasse der Taliban verstoßen haben sollen oder der Zusammenarbeit mit der früheren Regierung beschuldigt werden, erklärte die Menschenrechtsorganisation.

Auch Fälle von Rachemorden und Hinrichtungen von mutmaßlichen Widerstandskämpfern seien bekannt geworden, heißt es in dem Bericht. So seien Hunderte Leichen mit Schusswunden oder Folterspuren gefunden worden, die auf außergerichtliche Hinrichtungen hindeuten. 

Dutzende Menschen seien verschwunden, weil sie unter der vorherigen Regierung gearbeitet haben oder weil sie verdächtigt werden, am Widerstand gegen die Taliban beteiligt gewesen zu sein. Zudem habe es rechtswidrige Vertreibungen von nicht-paschtunischen Minderheiten aus ihren Häusern und von ihren Höfen gegeben. 

Internationale Gemeinschaft soll Maßnahmen ergreifen

Amnesty International fordert die Taliban auf, ihre schweren Menschenrechtsverletzungen und völkerrechtlichen Verbrechen sofort zu beenden. Als De-facto-Regierung von Afghanistan müssten die Taliban dringend die Rechte der Bevölkerung wiederherstellen, schützen und fördern. Um eine weitere Verschärfung der Menschenrechtskrise in Afghanistan zu verhindern, müsse die internationale Gemeinschaft wirksame Maßnahmen ergreifen, um die Taliban für die begangenen Verbrechen zur Rechenschaft zu ziehen.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Morgenmagazin am 15. August 2022 um 08:11 Uhr.