Rauch steigt von der Explosion vor dem Flughafen in Kabul auf.

Schock nach Anschlag in Kabul "Die Hölle brach los"

Stand: 27.08.2021 13:16 Uhr

Einen Tag nach dem Anschlag werden Details zum Ablauf des Anschlags in Kabul bekannt. Auch wenn neue Anschläge des "IS" befürchtet werden, drängen weiter Menschen zum Flughafen in der Hoffnung auf eine Ausreise.

Von Holger Senzel, ARD-Studio Singapur

Auch heute drängen sich Menschen vor dem Kabuler Flughafen, auch am Tag nach dem Anschlag starten und landen Transportflugzeuge in dichter Folge. Es bleibt wenig Zeit, so viele Menschen wie möglich auszufliegen, denn bis kommenden Dienstag soll die Evakuierungsmission beendet sein. Die letzte Bundeswehrmaschine flog bereits gestern nach Taschkent in Usbekistan kurz vor den Bombenanschlägen.

Holger Senzel ARD-Studio Singapur

Ein Augenzeuge hat die Explosion mit seinem Handy aufgenommen - die Rauchwolke über dem Flughafen von Kabul bestimmt weltweit die Nachrichtenbilder und wurde zum Symbol von Terror und Tod. Zwei Selbstmordattentäter hatten sich direkt vor dem Flughafen in die Luft gesprengt. Dort, wo Tausende Verzweifelte sich drängten, um noch einen Platz in einem der Flugzeuge aus Kabul zu ergattern.

Dieser Mann schildert im afghanischen Fernsehsender Tolo TV den furchtbaren Augenblick. "Es war eine gewaltige Explosion, die Druckwelle hat mich zu Boden geworfen. Überall um mich herum flogen Menschen durch die Luft, überall abgerissene Körperteile, Hirnmasse, Blut. Schauen Sie meine Kleidung an, komplett blutbesudelt. Die Leute begannen panisch wegzurennen, bestimmt 400 bis 500 Menschen. Wir haben dann Verwundete herausgebracht - auf Tragen oder sie unter den Armen gepackt."

"Komplexer Anschlag"

Als nach den Explosionen Chaos und Panik ausbrachen, feuerten zwei Täter mit Sturmgewehren in die Menschenmenge. US-Sicherheitsexperten nennen das einen "komplexen Anschlag".

Ein weiterer Sprengsatz detonierte in einem nahegelegenen Kabuler Hotel - dort werden britische Staatsbürger und gefährdete Afghaninnen und Afghanen auf ihre Evakuierung nach Großbritannien vorbereitet.

"Die Taliban schossen panisch in die Luft"

Ein ehemaliger britischer Marinesoldat - eingesetzt bei der Evakuierung - erlebte den Anschlag im Inneren des Flughafens und berichtet in der BBC über seine Eindrücke: "Die Taliban erkannten unsere Papiere nicht an, und wir waren gezwungen, das Rollfeld zu verlassen. In diesem Augenblick gab es zwei Explosionen etwa eine Meile entfernt, und die Hölle brach los. Die Taliban, die uns bewachten, schossen panisch in die Luft - leerten ganze Magazine ihrer AK 47 im Dauerfeuer, direkt an dem Fenster, wo Frauen und Kinder standen."

Die Sirenen der Ambulanzen heulten durch Kabul. Aber auch in Schubkarren oder auf dem Rücken von Helfern wurden Verletzte in die Kliniken gebracht. Eine genaue Opferbilanz bis noch nicht möglich. Die Zahlen der Toten schwanken zwischen 85 und über 100 - mehr als 150 Menschen wurden verletzt, darunter Frauen, Kinder, Männer. Unter den Opfern sind auch 13 US-Soldaten, die den Flughafen bewachten. US-Präsident Biden hat den Tätern Vergeltung angedroht.

"IS" und Taliban sind verfeindet

Die Anschläge von Kabul kamen nicht überraschend. In den vergangenen Tagen hatte es zunehmend Warnungen vor Terroranschlägen der Terrormiliz "Islamischer Staat" gegeben. Die amerikanische Botschaft in Kabul hatte alle US-Bürger aufgefordert, das Gebiet um den Flughafen sofort zu verlassen. Das britische Verteidigungsministerium sprach noch gestern Morgen von der Drohung eines "ernsthaften, unmittelbaren, tödlichen Angriffs".

Inzwischen hat sich die Terrormiliz "Islamischer Staat" zu den Anschlägen bekannt. Mit den Taliban, die in Afghanistan die Macht übernahmen, ist der "IS" verfeindet. Das US-Militär geht nicht davon aus, dass die Taliban an den Anschlägen beteiligt waren. "Auch die Taliban wollen, dass die USA bis zum 31. August das Land verlassen", erklärte US-General Mac Kenzie und weiter: "Wir teilen also ein gemeinsames Ziel. Und solange das so ist, ist die Zusammenarbeit mit den Taliban nützlich."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 27. August 2021 um 12:00 Uhr.