Afghanen tragen Nationalflaggen, während sie den Unabhängigkeitstag in Kabul feiern.

Afghanistan Demonstrationen mit Nationalflagge

Stand: 19.08.2021 14:37 Uhr

Nach der Machtübernahme der Taliban ist die Unsicherheit groß, wie es in Afghanistan weitergeht. In mehreren Orten gab es Proteste, die UN fürchten eine "humanitäre Krise unvorstellbaren Ausmaßes". Journalistinnen berichten von Repressionen.

Wenige Tage nach der Machtübernahme in Afghanistan haben dort in mehreren Städten Menschen gegen die Taliban demonstriert. In der Stadt Asadabad im Nordosten des Landes seien bei der Demonstration am Unabhängigkeitstag mehrere Menschen getötet worden, berichtete der Sender Al Dschasira. Demnach sollen Taliban-Kämpfer das Feuer auf eine Kundgebung eröffnet haben, deren Teilnehmer die Flagge der afghanischen Republik schwenkten. Den Medienberichten zufolge ist unklar, ob die Menschen in Asadabad bei den Protesten durch die Schüsse der Taliban oder bei der anschließenden Massenpanik ums Leben kamen.

Auch in der Hauptstadt Kabul gab es offenbar vereinzelte Proteste. In sozialen Medien kursierten Videos, wie geschätzt 100 Menschen durch eine Straße ziehen und die rot-schwarz-grüne Flagge hochhalten. Die Demonstranten riefen "Lang lebe Afghanistan" und "Unsere Flagge, unser Stolz". Zuverlässig überprüfen ließen sich die Aufnahmen und ihr Zeitpunkt nicht.

Nationalflagge entwickelt sich zum Symbol

Erste Demonstrationen mit der Fahne hatten nach einem Bericht der BBC am Mittwoch bereits im Osten des Landes stattgefunden, unter anderem in der Stadt Dschalalabad. Diese endeten Videos zufolge teils mit Schüssen durch Taliban. In der Stadt Chost wurde laut örtlichen Journalisten zudem eine Ausgangssperre verhängt. Über Opfer bei den Demonstrationen gibt es keine gesicherten Erkenntnisse.

Die Nationalflagge entwickelte sich in den vergangenen Tagen zunehmend zu einem Protestzeichen gegen die Islamisten. Die Taliban hatten nach der Machtübernahme am Sonntag ihre weiße Fahne mit schwarzer Inschrift der Schahada, dem islamischen Glaubensbekenntnis, über dem Präsidentenpalast in Kabul gehisst.

Taliban: Triumph am Unabhängigkeitstag

Afghanistan erlangte vor 102 Jahren, am 19. August 1919, die Unabhängigkeit von Großbritannien. Die Taliban selbst gaben sich zum Jahrestag triumphierend. "Wir feiern heute den Jahrestag der Unabhängigkeit von Großbritannien", erklärten sie. "Gleichzeitig haben wir durch unseren Dschihad-Widerstand eine andere arrogante Weltmacht, die Vereinigten Staaten, zum Scheitern gebracht und gezwungen, sich von unserem heiligen afghanischen Territorium zurückzuziehen."

Die Taliban hatten nach der Flucht des vom Westen unterstützten Präsidenten Aschraf Ghani am Wochenende die Macht in Afghanistan übernommen. Danach gaben sie sich moderat und verkündeten eine Amnestie. Doch die meisten Regierungsbeamten verstecken sich in ihren Häusern und versuchen, irgendwie ins Ausland zu kommen.

Prominente Moderatorin von Arbeit ausgeschlossen

Eine prominente TV-Moderatorin erklärte heute, von der Arbeit ausgeschlossen worden zu sein. Ihr sei nicht erlaubt worden, an ihren Arbeitsplatz beim staatlichen Sender RTA zu gehen, sagte Shabnam Dawran in einem Video. Während ihre männlichen Kollegen weiterarbeiten dürften, habe man ihr gesagt, das sei nun eine andere Regierung. "Es gibt also ernsthafte Drohungen gegen uns." Die Moderatorin bat das Ausland und internationale Organisationen um Hilfe. "Unser Leben ist in ernster Gefahr", sagte sie.

Dawran ist offenbar nicht die einzige afghanische Journalistin, die von den Taliban an ihrer Arbeit gehindert wird. Die neue Sprecherin des staatlichen Senders, Khadija Amin, sei am Montag von den Taliban durch einen Mann ersetzt worden, berichtete die "New York Times". Auch der Nachrichtenchef des afghanischen TV-Senders Tolo News, Miraqa Popal, erklärte, eine seiner Kolleginnen sei am Betreten des Senders gehindert worden.

Viele Medienschaffende seien untergetaucht, erklärte der Asien-Koordinator des Komitees zum Schutz von Journalisten (CPJ), Steven Butler. Vor allem Frauen seien in Panik und in den Untergrund gegangen. Es gebe lokale Berichte über Hausdurchsuchungen bei Journalistinnen. Viele hätten Drohungen von den Taliban erhalten. In ihrer ersten Pressekonferenz hatten die Taliban erklärt, Frauen dürften am öffentlichen Leben teilnehmen und Berufe ausüben, wenn dies mit dem islamischen Recht vereinbar sei.

UN fehlen Spendengelder für humanitäre Hilfe

Immer mehr Menschen in dem Land sind auf internationale Unterstützung angewiesen, den Vereinten Nationen fehlt es aber an Spendengeldern. Wie das UN-Nothilfebüro (OCHA) berichtete, würden für dieses Jahr mindestens weitere 700 Millionen Euro benötigt. Die Vereinten Nationen hatten den Spendenbedarf schon vor dem Siegeszug der militant-islamistischen Taliban auf knapp 1,3 Milliarden Dollar (gut 1,1 Mrd Euro) beziffert. Bis Donnerstag kam etwas mehr als ein Drittel (37 Prozent) der Summe zusammen. Im zweiten Halbjahr werde der Bedarf wegen der Dürre weiter steigen, warnte das Nothilfebüro.

Sohn von Taliban-Gegner plant offenbar Widerstand

Unterdessen hat der Sohn einer Symbolfigur des afghanischen Kampfes gegen die Taliban Widerstand gegen die Islamisten geschworen. Ahmed Massud,  Sohn des früheren Kriegsherrn Ahmed Schah Massud, bat die USA um Unterstützung für seine Widerstandsgruppe. In einem Gastbeitrag für die "Washington Post" schrieb er, er sei bereit, "in die Fußstapfen meines Vaters zu treten". Er verfüge über die nötigen Kräfte für einen wirksamen Widerstand, brauche aber "mehr Waffen, mehr Munition und mehr Nachschub". 

Er befinde sich im Pandschirtal nordöstlich von Kabul, das in den 90er-Jahren als Hochburg des Widerstandes gegen die Taliban galt und nie unter die Kontrolle der Islamisten fiel. Seine "Mudschahedin-Kämpfer" seien bereit, es erneut mit den Taliban aufzunehmen. Zu ihnen seien ehemalige Angehörige der afghanischen Streitkräfte gestoßen, die "von der Kapitulation ihrer Kommandeure angewidert" seien. In Onlinenetzwerken waren Bilder von Massud mit dem ehemaligen Vizepräsidenten des Landes, Amrullah Saleh zu sehen, die offenbar eine Guerilla-Bewegung gegen die Taliban planen. 

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 19. August 2021 um 15:00 Uhr.