Menschen gedenken dem erschossenen Shinzo Abe. | AFP

Entsetzen über Anschlag auf Abe "Eine Tragödie für Japan"

Stand: 08.07.2022 17:12 Uhr

Das Attentat auf Japans Ex-Premier Abe hat weltweit Trauer und Entsetzen ausgelöst. US-Präsident Biden sprach von einer "Tragödie für Japan". Kanzler Scholz erklärte, er sei fassungslos und tieftraurig. Viele würdigten Abes politische Leistungen.

Die Nachricht über den tödlichen Anschlag auf den früheren japanischen Premierminister Shinzo Abe hat Schockwellen im Land ausgelöst. Japan gilt als eines der sichersten der Welt und verfügt über eines der schärfsten Waffengesetze.

Er verurteile die Tat "aufs Schärfste", erklärte Regierungschef Fumio Kishida, der sichtlich um Fassung rang: "Mir fehlen die Worte. Ich spreche mein aufrichtiges Beileid aus und bete, dass seine Seele in Frieden ruhen möge." Kishida brach einen Wahlkampfauftritt in der nördlichen Präfektur Yamagata sofort ab und kehrte im Hubschrauber nach Tokio zurück. "Es ist ein Angriff auf die parlamentarische Demokratie und kann nicht toleriert werden", sagte der Präsident des Abgeordnetenhauses, Hiroyuki Hosoda.

Auch die Opposition verurteilte das Attentat, das zwei Tage vor Wahlen zum Oberhaus des Parlaments Japan erschütterte. "Gewalt gegen politische Aktivitäten ist absolut inakzeptabel", sagte ein Vertreter der Kommunistischen Partei Japans, für die Abes nationalistische Politik immer ein rotes Tuch war.

Auch im Rest der Welt löste die Tat Entsetzen aus. Die chinesische Botschaft in Japan äußerte sich "schockiert". "Während seiner Amtszeit trug der ehemalige Premier Abe zur Verbesserung und Weiterentwicklung der Beziehungen zwischen China und Japan bei", sagte ein Sprecher der Botschaft. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sprach von einem "brutalen und feigen Mord." EU-Ratspräsident Charles Michel erklärte: "Japan, die Europäer trauern mit dir."

Stoltenberg zeigt sich tieftraurig

NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg zeigte sich betroffen über Abes Tod. "Tieftraurig über die abscheuliche Ermordung von Shinzo Abe, einem Verteidiger der Demokratie und meinem langjährigen Freund und Kollegen", schrieb der frühere norwegische Ministerpräsident auf Twitter. "Mein tiefstes Beileid an seine Familie und das Volk des NATO-Partnerlandes Japan in dieser schwierigen Zeit."

Bundeskanzler Olaf Scholz reagierte bestürzt auf den gewaltsamen Tod von Japans Ex-Premier. "Das tödliche Attentat auf Shinzo Abe macht mich fassungslos und tief traurig", schrieb Scholz im Kurzbotschaftendienst Twitter.

Enge deutsch-japanische Beziehung

Altkanzlerin Angela Merkel, die Abe bei vielen internationalen Konferenzen begegnet war, schrieb auf ihrer Internetseite: "Japan und die Welt verlieren mit Shinzo Abe einen großen Staatsmann. (...) Sein Wort hatte Gewicht. Seine Entscheidungen waren verlässlich. Sein Humor half, Widerstände zu überwinden. Er war mir ein enger Kollege und Freund. Wir waren stets von dem gemeinsamen Ziel geleitet, die großen Herausforderungen unserer Zeit sowohl in unseren bilateralen Beziehungen als auch zwischen Japan und der Europäischen Union sowie multilateral partnerschaftlich zu bewältigen". Die deutsch-japanischen Beziehungen seien in seiner Amtszeit noch einmal enger geworden.

Auch Außenministerin Annalena Baerbock zeigte sich bestürzt. "Ich bin schockiert von der Nachricht, dass Shinzo Abe niedergeschossen wurde", erklärte die Grünen-Politikerin auf Twitter. "Meine Gedanken sind bei ihm und seiner Familie", hieß es in der auf Englisch verfassten Botschaft weiter. Baerbock hält sich derzeit beim Treffen der G20-Außenminister auf Bali auf.

Dort äußerte auch US-Außenminister Antony Blinken tiefe Trauer und Besorgnis. "Unsere Gedanken, unsere Gebete sind mit ihm, mit seiner Familie, mit Japans Volk", sagte Blinken nach Angaben der "New York Times".

Biden: "Tragödie für Japan"

US-Präsident Joe Biden verurteilte den Mordanschlag auf Abe: "Ich bin fassungslos, empört und zutiefst traurig über die Nachricht, dass mein Freund Shinzo Abe während eines Wahlkampfauftritts erschossen wurde. Dies ist eine Tragödie für Japan und für alle, die ihn kannte", hieß es in einer Stellungnahme.

Selbst in dem Moment, als er angegriffen wurde, setzte er sich für die Demokratie ein. Auch wenn wir viele Einzelheiten noch nicht kennen, wissen wir, dass gewalttätige Angriffe niemals akzeptabel sind und dass Waffengewalt immer eine tiefe Narbe hinterlässt. Die Vereinigten Staaten stehen in diesem Moment der Trauer an der Seite Japans. Ich spreche seiner Familie mein tiefstes Beileid aus.

Russlands Präsident Wladimir Putin schrieb in einem vom Kreml veröffentlichten Telegramm: "Die Hand eines Verbrechers hat das Leben eines herausragenden Staatsmannes beendet." Weiter sprach er von einem "schweren, unersetzlichen Verlust". Abe sei ein "herausragender Staatsmann" gewesen, der viel für die Entwicklung "gutnachbarlicher Beziehungen zwischen unseren Ländern" getan habe.

Taiwans Präsidentin Tsai Ing-wen erklärte, Abe sei nicht nur ihr guter Freund, sondern auch Taiwans stärkster Freund, der die demokratische Inselrepublik seit Jahren unterstützt habe, schrieb Tsai auf Facebook. Der ehemalige Regierungschef habe keine Mühen gescheut, um die Beziehungen zwischen den beiden Ländern zu fördern.

Bach: "Ein Mann, der zu seinem Wort stand"

IOC-Präsident Thomas Bach sprach der Familie und dem japanischen Volk sein Beileid aus. Abe sei ein Mann "mit einer Vision, voller Entschlossenheit und grenzenloser Energie, seine Vision zu verwirklichen" gewesen. "Was ich an ihm am meisten schätzte, war, dass er ein Mann war, der zu seinem Wort stand", sagte Bach weiter. Nur dank seiner Vision, Entschlossenheit und Verlässlichkeit habe man die beispiellose Entscheidung treffen können, die Olympischen Spiele in Tokio wegen der Corona-Pandemie um ein Jahr auf 2021 zu verschieben.

Als Zeichen der Wertschätzung durch das IOC wird die Olympische Flagge am Olympischen Haus in Lausanne drei Tage lang auf halbmast gehisst.

Auf dem Weg zu einer Wahlkampfrede

Abe war zu einer Wahlkampfrede in der Stadt Nara unterwegs, als ein Angreifer Schüsse auf ihn abfeuerte. Trotz Bluttransfusionen konnten die Ärzte im Krankenhaus später nur noch den Tod des Politikers feststellen. Abe regierte Japan von Dezember 2012 bis September 2020. Er war damit der am längsten amtierende Premier des Landes.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 08. Juli 2022 um 17:00 Uhr.