Szene der Schlussfeier der Europaspiele in Baku

Europaspiele in Baku Wo war der Olympische Geist?

Stand: 28.06.2015 20:20 Uhr

In Baku sind die ersten Olympischen Spiele Europas zu Ende gegangen. Sportlich nur in Teilen relevant, standen die Wettkämpfe im Zeichen der Inszenierung durch Aserbaidschans autokratischen Herrscher Alijew. Lässt sich der Sport instrumentalisieren?

Von Silvia Stöber, tagesschau.de

Der Schweizer Außenminister Didier Burkhalter war einer der wenigen Regierungsvertreter westeuropäischer Staaten, der an der Eröffnungsveranstaltung der ersten Olympischen Spiele Europas in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku teilnahm. Doch während Burkhalter neben den Präsidenten Aserbaidschans, Russlands, und der Türkei, Ilham Alijew, Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan das 85 Millionen Euro teure Spektakel verfolgte, spielte sich zehn Kilometer entfernt ein sehr viel spannenderes Szenario ab.

Blick in die Ehrenloge bei der Eröffnung der Europaspiele in Baku

Blick in die Ehrenloge bei der Eröffnung der Europaspiele in Baku: Aserbaidschans Präsident Ilham Alijew und seine Frau Mehriban, hier im Gespräch mit IOC-Präsident Thomas Bach, daneben der russische Präsident Wladimir Putin.

In der Schweizer Botschaft im verwinkelten Altstadtviertel Bakus machte sich der Menschenrechtsaktivist Emin Huseynov zur Ausreise bereit. Zehn Monate zuvor hatte er sich in die Schweizer Botschaft geflüchtet. Er musste fürchten, wie zahlreiche seiner Mitstreiter für Jahre im Gefängnis zu verschwinden. In jener Nacht vor zwei Wochen dann flog Huseynov mit Burkhalter in die Schweiz. Burkhalter sagte der "Neuen Zürcher Zeitung", es habe zuvor Verhandlungen gegeben. Präsident Alijew habe dann im Gespräch mit ihm befunden, es sei besser, Huseynov verlasse Aserbaidschan.

Polit-Präsenz gegen Dissidenten-Freilassung?

Die Vermutung liegt nahe, dass Huseynov freikam im Gegenzug für Burkhalters Präsenz auf der Ehrentribüne im Stadion. Denn Alijew und andere Mitglieder der Führung Aserbaidschans unternahmen in den vergangenen Jahren alles für einen Prestigegewinn. Immer wieder brachten sie zum Ausdruck, wie wichtig ihnen die Anerkennung Aserbaidschans als modernes und entwickeltes Land sei. Erst am Freitag wieder sagte Sportminister Asad Rahimov, die Europaspiele hätten Aserbaidschan auf die Landkarte Europas und der Welt befördert.

Manche Äußerungen lassen die Aserbaidschaner nun von noch Größerem träumen. So erklärte das Europäische Olympische Komitee, die Spiele in Baku hätten jede Erwartung übertroffen. Dessen Präsident, der Ire Patrick Hickey erklärte, Aserbaidschan sei sehr gut in der Lage, auch Olympische Spiele zu veranstalten. Aserbaidschan bewarb sich bereits zwei Mal erfolglos und erwägt nun eine neue Bewerbung für 2024 - neben Hamburg, Paris, Boston und Rom.

Braucht Europa Olympische Spiele?

In der Tat lobten viele Sportler die Unterkunfts- und Wettkampfbedingungen in Baku. Aserbaidschan hatte einen Großteil auch der Reisekosten übernommen. Deutsche Athleten wie der Turner Fabian Hambüchen und der Tischtennisspieler Dimitrij Ovtcharov errangen wichtige Siege. Anderen klassischen Sommersportarten hingegen, so Schwimmen und Leichtathletik, blieben die Spitzenathleten fern. Die ersten Olympischen Spiele Europas passten ihnen nicht mehr in den seit langem ausgefüllten Wettkampfkalender.

Turner Fabian Hambüchen präsentiert seine Medaillen im Athletendorf in Baku

Wichtiger sportlicher Sieg: Turner Fabian Hambüchen präsentiert seine Medaillen im Athletendorf in Baku

So war im Vorfeld die Frage aufgeworfen worden, ob Europa wirklich seine eigenen Olympischen Spiele braucht. Vorangebracht worden war das Projekt vor allem vom Europäischen Olympischen Komitee und von der aserbaidschanischen Führung als einzigem Bewerber.

Leere Tribünen, ausgebuhte Armenier

Während der vergangenen Wochen wurde deutlicher denn je, wie Alijew die Spiele versteht. Die Olympische Flamme trug nicht nur er, auch seine Frau und seine Kinder traten beim Fackellauf durch Baku auf. Mit seiner Frau Mehriban, die einem der größten Unternehmenskonglomerate Aserbaidschans vorsteht, sonnte er sich in den Erfolgen aserbaidschanischer Sportler.

Die einheimischen Zuschauer unterstützten frenetisch ihre Athleten, berichteten Reporter vor Ort. Die Sportler des verfeindeten Nachbarn Armenien seien dagegen lauthals ausgebuht worden. Von Olympischem Frieden war dabei nichts zu spüren, wenig auch vom völkerverbindenden Aspekt des Sports. Wenn Entscheidungen ohne aserbaidschanische Beteiligung anstanden, seien die Tribünen oft leer gewesen.

Szene der Schlussfeier der Europaspiele in Baku

Jede Erwartung übertroffen? Szene der Schlussfeier der Europaspiele in Baku

Sorgen statt Freude

Auch die Innenstadt Bakus blieb in den vergangenen Wochen ohne den normalen Trubel. Einwohner Bakus durften nicht mit dem eigenen Auto fahren und keine Feste veranstalten. Mangels Touristen interviewten aserbaidschanische Medien Einheimische, die sich als ausländische Gäste ausgaben.

Ohnehin waren bei vielen Aserbaidschanern vor den Spielen die Sorgen größer als die Freude über das internationale Ereignis. Für die Veranstaltungsgebäude und Prestigebauten gab die Führung in den vergangenen Jahren Milliarden aus. Doch sie wurden zumeist schnell hochgezogen. Am Stadion musste wegen sumpfigen Untergrundes nachgebessert werden. Zudem muss einer der drei Flammentürme, die die Stadt überragen, aufwendig abgestützt werden, weil der Hang darunter nachgeben könnte. Für viele Menschen in den Regionen ist der Glanz ohnehin fern, in vielen Dörfern herrschen geradezu mittelalterliche Verhältnisse.

Und auch wenn Aserbaidschan Öl und Gas liefert, verfügt das Land nicht über unerschöpfliche Geldquellen. Im Februar musste die Landeswährung Manat um 30 Prozent abgewertet werden - wegen es gesunkenen Ölpreises und wegen der Wirtschaftskrise im benachbarten Russland. Nun sind die Befürchtungen groß, dass eine weitere Abwertung nicht zu vermeiden ist. Dann könnten viele Banken ihre ausländischen Kredite nicht mehr bedienen.

Scharfe Angriffe auf die EU

Fast alle unabhängigen Journalisten und Aktivisten sitzen inzwischen im Gefängnis oder haben das Land verlassen. Die Aggressivität der Führung richtet sich nun gegen internationale Akteure, die Kritik an der autokratischen Herrschaftsweise üben. Das betrifft bei weitem nicht nur Menschenrechtsorganisationen und Journalisten, denen die Einreise verweigert wird.

Seit längerem schon werfen Regierungsvertreter den USA Einmischung vor. Einen Tag vor Beginn der Europaspiele wurde auch die EU-Delegation in Baku Ziel einer offenbar von der Regierung gelenkten Aktion: Mehr als 70 Vertreter von "Jugendgruppen" belagerten die EU-Vertretung in einem zentralen Gebäude Bakus, die Polizei reagierte langsam, regierungsnahe Medien berichteten umgehend. "EU ist eine Schande", "Hände weg von Aserbaidschan" skandierten die jungen Leute.

Konkreter wurden die Demonstranten in einem Schreiben, in dem sie EU-Parlamentspräsident Martin Schulz und die EU-Abgeordnete Ulrike Lunacek persönlich angriffen. Die Rede war von einer "neo-imperialistischen Verleumdungskampagne" und von Neid auf Erfolge Aserbaidschans bei der Sicherstellung von "politischem Pluralismus, Zivilgesellschaft und Rechtsstaatlichkeit". Die Europaspiele dagegen stünden für die Einheit der Nationen, für Freundschaft und Solidarität.

Deutsche Delegation skeptisch

Im Raum steht nun die Frage, inwieweit sich der Sport künftig weiter vereinnahmen lassen will von autokratischen Herrschern und wie sehr der olympische Geist noch an Wert verlieren soll. Immerhin äußerte der Chef der deutschen Delegation bei den Europaspielen in Baku, Dirk Schimmelpfennig, angesichts der politischen Situation in Aserbaidschan Skepsis über die Aussichten einer Bewerbung des Landes für Olympia 2024.

Der Sprecher der Athletenkommission des Deutschen Olympischen Sportbundes, Christian Schreiber, hatte im Vorfeld der Europaspiele nicht nur eine Freilassung der politischen Gefangenen in Aserbaidschan gefordert. Er hatte auch die Berücksichtigung der politischen Lage in den Gastgeberländern bei der künftigen Vergabe von Wettkämpfen gefordert. Ohne Einverständnis der Sportler, aber auch ohne Sponsoren und Medienberichterstattung wären Sportfunktionäre ihrer Macht beraubt.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 29. Juni 2015 um 14:15 Uhr.

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KOMMENTARE

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Kurt von Hammerstein 29.06.2015 • 00:46 Uhr

Was heisst hier "Olympischer Geist"...

...Europaspiele? Seit wann? Ernsthaft, gab es hier überhaupt einen Bericht darüber? Ich höre jetzt zum ersten Mal davon. Ich lebe weiss Gott nicht unter einem Stein, aber davon habe ich genau nix mitbekommen. Ich muss @kathom beipflichten - und der hat wenigstens einen Trailer gesehen.