Trümmer | Bildquelle: <BR>

Krieg um Bergkarabach "Wir können nicht zusammenleben"

Stand: 27.10.2020 17:02 Uhr

Seit einem Monat herrscht im Südkaukasus Krieg. Armenien und Aserbaidschan kämpfen erneut um die Enklave Bergkarabach. In der Region beklagen die Menschen die Opfer und sind doch unversöhnlich.

Von Oliver Mayer-Rüth, ARD-Studio Istanbul, zzt. Terter (Aserbaidschan)

Rauchsäulen steigen von den Hängen Bergkarabachs auf. Dumpfe Detonationen von den Einschlägen des aserbaidschanischen Artilleriefeuers sind zu hören. Von der aserbaidschanischen Stadt Terter aus kann man nur erahnen, welches Leid armenische Zivilisten noch weiter oben in den Dörfern ertragen müssen.

Viele dürften bereits vor den vorrückenden Soldaten des aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Aliyev geflohen sein. Die Nachrichten aus Bergkarabach, einer Region, in der seit Jahrhunderten armenische Christen leben, klingen erschreckend. Angriffe auf Zivilisten sollen an der Tagesordnung sein. Wie auch armenische Angriffe auf aserbaidschanische Städte und Dörfer.

Kameramann und Korrespondent | Bildquelle: <BR>
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Das ARD-Team in der Stadt Teter. Nur wenige ausländische Berichterstatter sind derzeit im Kriegsgebiet. Offizielle beobachten jeden ihrer Schritte.

Der tote Enkel im Garten

So schlug vergangenen Samstag in Horuxlu eine Rakete ein, deren Splitter Bäume im Umkreis von 50 Metern spalteten. Der 16-jährige Orhan Ismael Zade pflückte in einem Obstgarten Granatäpfel. Ein Schrapnell drang in seinen Rücken ein und trat an der Brust wieder aus.

Man habe den Jungen tot auf der Wiese unter dem Granatapfelbaum gefunden, erzählt sein Großvater Topik Abasov der ARD. Auf der Wiese und an Blättern des Baumes habe sein Blut geklebt. Das sei unmenschlich. Was habe er denn falsch gemacht?, fragt der alte Mann. "Wir rufen die Welt dazu auf, diese schrecklichen Taten und Verbrechen zu stoppen", sagt er.

Doch die Welt scheint kaum noch Einfluss auf den Krieg im Kaukasus zu haben. Drei Waffenruhen wurden nach kurzer Zeit gebrochen. Eine soll Frankreich, eine Russland und eine die USA vermittelt haben. Aserbaidschan und Armenien geben sich für den Bruch der Waffenruhen gegenseitig die Schuld.

Großvater | Bildquelle: <BR>
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Topik Abasov: "Stoppt die schrecklichen Verbrechen."

Beide Seiten wähnen sich im Recht

Das gilt auch für die ersten Schüsse am 27. September, die den Sturm losbrechen ließen. In der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku glaubt man, ein Recht auf Bergkarabach zu haben, denn die Region gehörte zu Sowjetzeiten trotz der mehrheitlich armenischen Bevölkerung zu dem muslimisch geprägten Land.

Dann vertrieben Anfang der 1990er-Jahre armenische Milizen die dortige aserbaidschanische Minderheit. Seitdem kontrolliert Armenien de facto die Region, obwohl die Vereinten Nationen und der Europarat Bergkarabach weiterhin als aserbaidschanisches Staatsgebiet sehen.

Besonders groß ist der Groll in Baku, weil die armenischen Milizen damals neben Bergkarabach auch weitere Landstriche in der Tiefebene als militärische Pufferzone besetzten, in denen während der Sowjetzeit vornehmlich Aserbaidschaner lebten. Dort finden derzeit die heftigsten Kämpfe statt.

Offizielle beobachten die Arbeit der Journalisten

Das ARD-Team kann nur in Begleitung eines Mitarbeiters des aserbaidschanischen Außenministeriums in die Region am Rande des Kampfgebiets östlich von Bergkarabach fahren. Dieser mischt sich in die Recherchen nicht ein. Allerdings beharrt er darauf, Aserbaidschan führe einen Befreiungskrieg, denn Armenien halte aserbaidschanische Gebiete besetzt.

Armenier warnen hingegen, der aserbaidschanische Präsident Aliyev wolle Bergkarabach ethnisch "säubern". Beide Länder pflegen seit der armenischen Übernahme vor mehr als einem Vierteljahrhundert ein Narrativ, demzufolge die jeweils andere Seite die Schuld an Tod und Elend trägt.

Hicran Emrahov | Bildquelle: <BR>
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"Wir können mit diesen abscheulichen Feinden nicht zusammenleben", sagt Hicran Emrahov (rechts). Eine Versöhnung mit Armenien sieht sie kritisch.

Kein Miteinander mehr denkbar

In der aserbaidschanischen Grenzstadt Terter schüttelt Hicran Emrahov nur den Kopf, als einer ihrer Nachbarn sagt, sollte Aserbaidschan siegen, dürften armenische Zivilisten in Bergkarabach bleiben. Beide gehören zu den wenigen verbliebenen Bewohnerinnen und Bewohnern, die in dem völlig zerschossenen Stadtteil Shikharkh ausharren. Aus Angst vor armenischen Granaten sitzen sie in einem Keller.

"Wir können mit diesen abscheulichen Feinden nicht zusammenleben. Die sind unsere Feinde. Das können wir nicht akzeptieren", stellt Hicran unmissverständlich fest. Die Gegenseite ist ähnlich verbohrt, wie Kommentare zu Berichten von internationalen Journalisten auf Twitter oder Instagram zeigen.

Kriegspropaganda und Internet-Trolle

Allein die Tatsache, dass ein ARD-Team aus Aserbaidschan berichtet, veranlasst einen für die armenische Seite aktiven Social-Media-Troll dazu, den Autor dieses Berichts als einen Enkel Adolf Hitlers zu bezeichnen.

Im aserbaidschanischen Fernsehen läuft den ganzen Tag über kriegstreibende Propaganda. Schlagersänger tragen mit Inbrunst die Nation überhöhende Schnulzen vor. Der Gesang wird mit Bildern von rollenden Panzern, stürmenden Soldaten und abgefeuerten Haubitzen unterschnitten.

Jemanden im autoritär regierten Land zu finden, der aserbaidschanische Angriffe auf Zivilisten in Frage stellt, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Ein Mann, der in der wiederholt von ballistischen Raketen getroffenen Stadt Ganja lebt, sagt unverhohlen ironisch, wenn vor dem Krieg vielleicht zwei von fünf Aserbaidschanern gegenüber dem Präsidenten ein wenig kritisch eingestellt waren, so seien jetzt aufgrund des Waffengangs sechs von fünf für ihn. Seinen Namen möchte er nicht nennen.

Friedhof mit Grabsteinen und Beerdigung | Bildquelle: <BR>
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Der Krieg fordert viele Opfer. Auf beiden Seiten füllen sich die Friedhöfe.

Spirale der Gewalt

Aus der Spirale der Gewalt scheint es derzeit keinen Ausweg zu geben. In dem Ort Karadehir wird Nejmed Abasov beerdigt. 25 Jahre alt wurde der aserbaidschanische Soldat. Als der Sarg aus dem Dorf zum Friedhof getragen wird, stehen schluchzende und weinende Frauen und Mädchen am Straßenrand.

Die Männer tragen auf dem Weg aserbaidschanische Fahnen. Ein Mitglied der Trauergemeinde sagt, Gerechtigkeit könne es erst geben, wenn die "abscheulichen" Armenier von Bergkarabach vertrieben seien. Der Hass sitzt tief im Kaukasus.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 27. Oktober 2020 um 14:00 Uhr.

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