Eine Frau bettelt im Zentrum von Moskau. | Bildquelle: AFP

Russland Kreml bezweifelt Armutsumfrage

Stand: 04.04.2019 14:25 Uhr

Die russische Führung ist irritiert: Ausgerechnet die offizielle Statistikbehörde zeigt mit einer Umfrage das Ausmaß der Armut im Land auf - und stellt damit die Politik von Präsident Putin infrage.

Von Sabine Stöhr, ARD-Studio Moskau

Die russischen Zeitungen sind sich heute einig: Es sieht nicht gut aus im Land, was die Lebensbedingungen betrifft. Damit reagieren sie auf eine repräsentative Umfrage der Statistikbehörde Rosstat.

Die hat gerade veröffentlicht, dass mehr als drei Viertel der Bevölkerung in Russland Schwierigkeiten hat, sich das Nötigste zu kaufen: Von den Familien könne sich etwa ein Drittel kein zweites Paar Schuhe leisten, die Hälfte der Familien nicht mal eine Woche Urlaub weg von zuhause.

Kreml zeigt sich verwundert

Der russischen Führung gefallen die Zahlen der Statistikbehörde nicht. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow zeigte sich verwundert darüber, was das mit den Schuhen solle, und woher überhaupt die Zahlen kämen und verlangte eine Erklärung.

Daraufhin erläuterte die Behörde, dass die Studie seit Jahren eine der repräsentativsten und tiefgründigsten in Russland sei. Mitarbeiter hätten im vergangenen September 60.000 Haushalte befragt, jedes Familienmitglied für mindestens anderthalb Stunden. Die Behörde wies darauf hin, dass die Antworten "subjektiv seien und die Vorstellung der Befragten über einen angemessenen Lebensstandard widerspiegelten".

Eine Rentnerin genießt ein kostenloses Mittagessen in einem Armencafé in St. Petersburg. | Bildquelle: AFP
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Viele Rentner sind auf kostenlose Mahlzeiten angewiesen, wie hier in St. Petersburg.

"Ein Drittel der Bevölkerung lebt im totalen Elend"

Dennoch sei nicht von der Hand zu weisen, dass die Anzahl der Familien, die jedes Jahr nur zwei Paar Schuhe kaufen könne, im Vergleich zu 2016 von rund 50 auf mehr als 60 Prozent gewachsen sei, sagen die Statistiker - der Wirtschaftsexperte Michail Chasin bekräftigte aber in einer Sendung des kremlkritischen Radios Echo Moskvy die Ergebnisse der aktuellen Umfrage.

"Das ist das Ergebnis der Wirtschaftspolitik der Regierung in den vergangenen sechs Jahren", sagt Chasin. "Die Einkommen gehen dementsprechend schon fast ebenso lange zurück. Nun entwickelt es sich dahin, dass ein Drittel der Bevölkerung im totalen Elend lebt."

Putins Ankündigungen folgten noch keine Taten

Nach den Präsidentschaftswahlen vor einem Jahr erwarten die Russen, dass sich die Führung des Landes - nach ihrem Engagement in Syrien und im Konflikt mit der Ukraine - jetzt endlich um die eigenen Leute kümmert. In seiner Rede an die Nation zu Beginn des Jahres machte Präsident Wladimir Putin auch entsprechende Ankündigungen.

Allerdings sind die nicht grundlegend genug, um die sozialen Probleme der Bevölkerung wirklich zu beheben. Im Gegenteil hat die Führung erst vor kurzem Renteneintrittsalter und Steuern erhöht - unter anderem die Mehrwertsteuer von 18 auf 20 Prozent.

Russische Statistikbehörde: Drei Viertel der Bevölkerung kann sich kaum das Nötigste leisten
Sabine Stöhr, ARD Moskau
04.04.2019 12:31 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 04. April 2019 um 15:22 Uhr.

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