Ein Landwirt fährt mit einer Pestizid- und Düngerspritze über ein Feld | Bildquelle: picture alliance / dpa

Glyphosat in Argentinien Der gefährliche Kampf gegen Monsanto

Stand: 22.05.2019 08:46 Uhr

Eine Mutter erkrankter Kinder kämpft seit Jahren in Argentinien gegen hochgiftige Chemikalien auf Feldern. Die Folge: erstochener Hund, Bedrohung, Polizeischutz. Doch sie gibt nicht auf - mit wachsendem Erfolg.

Von Anne Herrberg, ARD-Studio Buenos Aires

Das Gift kam aus der Luft - und später direkt aus dem Wasserhahn. Zuerst juckte die Haut, brannten die Augen, entzündeten sich die Nasenschleimhäute. Immer dann, wenn nebenan auf den Felder die Sprühflugzeuge kamen und sich die Giftwolken langsam über die Häuser und Gärten von Pergamino legten, in Böden und Grundwasser sickerten - dort wo Sabrina Ortiz mit ihrer Familie lebt. "Meine beiden Kinder sind krank, mein Mädchen hat eine chronische Knochenmarksentzündung, mein Sohn eine Autoimmunkrankheit und ich hatte bereits den zweiten Schlaganfall", erzählt sie.

Pergamino liegt inmitten der Sojaprovinz Buenos Aires. Hier wird ein Großteil der 400 Millionen Liter Chemikalien versprüht, die in Argentiniens Landwirtschaft jährlich eingesetzt werden: auf riesigen Plantagen mit gentechnisch verändertem Soja, Mais oder Zitrusfrüchten, in Monokultur, für den Export - auch nach Europa. Marktführer unter den Pflanzengiften ist das von der Bayer-Tochter Monsanto vertriebene Roundup, mit dem Wirkstoff Glyphosat. "Bei uns allen wurden massiv erhöhte Pestizidwerte im Blut gemessen, vor allem an Glyphosat, mein Sohn hat 120 Mal mehr im Körper als sein Körper verkraftet kann, er ist sechs Jahre alt", berichtet Ortiz.

Leere Agrarchemie-Behälter liegen an einer Straße bei Gualeguaychu | Bildquelle: AFP
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Sojafelder in Argentinien werden häufig mit Glyphosat behandelt.

Krebserregende Chemikalien versprüht

Die argentinische Gesetzgebung erlaubt 100 Mal höhere Schadstoff-Grenzwerte als die europäische Gesetzgebung - aber die Menge an Pestiziden in Pergaminos Trinkwasser lag selbst darüber. Neben Glyphosat wurden 17 weitere hochgiftige Chemikalien gefunden, die Hälfte davon krebserregend. Eines davon: das in Europa längst verbotene Herbizid Atrazin.

Als Sabrina Ortiz forderte, zumindest Schutzzonen um die Wohngebiete einzurichten, wurde sie erst ignoriert, dann bedroht - auch von Nachbarn, denn fast alle in Pergamino leben von der Landwirtschaft. Vor acht Jahren fing die Familie nach eigenen Angaben mit dem Kampf gegen die Chemikalien an. Gleich zu Beginn sei ihr Hund erschossen worden - vom Nachbarn, einem Produzenten. "Es kamen Briefe, wir fanden ein Kreuz aus Sojabohnen auf unserem Auto, es gab Drohungen von Leuten die der Lokalregierung nahestehen, schließlich habe ich Polizeischutz bekommen", sagt Ortiz. Das Problem: Die Lobby der großen Konzerne, Bayer, Monsanto sei enorm. "Ihr Einfluss auf die Politik, da geht es um milliardenschwere Interessen und das führt auch dazu, dass die Leute Angst haben, das anzuklagen."

Klagen gegen Bayer aus Südamerika?

Doch Ortiz hat in anderen Müttern Mitstreiterinnen gefunden - und sie hat Jura studiert, um ihren Fall zu verteidigen. Nun erzielten sie einen Teilerfolg: 600 Meter um die Wohnviertel darf nicht mehr gesprüht werden. Ein ähnliches Urteil zu Schutzzonen rund um Landschulen bezeichnete Argentiniens Präsident jüngst als absurd und unverantwortlich. Auch deswegen will Ortiz weiterkämpfen. Sie will, dass die Hersteller der Pflanzengifte direkt zur Verantwortung gezogen werden.

Die Klagewelle in den USA gegen Monsanto macht ihr große Hoffnung. Das gebe ihr und den anderen Müttern Kraft - auch weil die Fälle ganz ähnlich seien, wie ihr eigener. "Es kann nicht sein, dass am Schluss ein Produzent verklagt wird, oder eine Gemeinde. Das muss bis zur Wurzel gehen, zu denjenigen, die wie Monsanto ihre Produkte hier anwerben, als könne man damit sorglos den Gemüsegarten gießen", fordert Ortiz. Anzeigen von Monsanto mit solchem Inhalt hätten in den Zeitungen gestanden.

Im März schloss sich Ortiz mit andren Betroffenen aus Argentinien und fünf weiteren lateinamerikanischen Ländern zu einem Netzwerk zusammen. Darunter auch NGOs und Anwälte aus Deutschland. Geprüft wird derzeit, wie europäische Agrarunternehmen wie Monsanto und Bayer auch in Südamerika juristisch zur Verantwortung gezogen werden können, bestätigte auch das European Center for Constitutional and Human Rights gegenüber der ARD. Dass solche Klagen auch deutsche Gerichte erreichen, sei nur noch eine Frage der Zeit.

Klagen gegen Bayer wegen Glyphosat bald auch aus Südamerika?
Anne Herrberg, ARD Buenos Aires
22.05.2019 06:33 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 22. Mai 2019 um 06:42 Uhr.

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