Abtreibungs-Befürworter in Buenos Aires | Bildquelle: AP

Abtreibungsdebatte Erbitterter Streit in der Heimat des Papstes

Stand: 10.05.2018 16:47 Uhr

In Argentinien tobt ein heftiger Streit um Abtreibungen - diese sind hier bislang nur in Ausnahmefällen erlaubt. Ein neues Gesetze soll das ändern. Doch es ist nicht der erste Versuch.

Von Anne Herrberg, ARD-Studio Buenos Aires

Cumbia vor dem Argentinischen Nationalkongress. Immer dienstags werden die Mauern des altehrwürdigen Gebäude vom rhythmischen Sound der Trommeln erschüttert. "Damit die Abgeordneten uns hören", sagt Rocio von der Band Sudor Marica. Wie alle hier hat auch sie ein grünes Kopftuch umgebunden.

"Eine Notwendigkeit"

"Es ist wichtig, dass wir hier auf der Straße die aktuelle Diskussion im Kongress um Abtreibung unterstützen. Es geht um das Recht, selbst über unsere Körper bestimmen zu können. Dafür steht das Kopftuch. Das ist ein Thema der staatlichen Gesundheitspolitik. Es geht um eine Notwendigkeit", sagt Rocio.

Bisher sind Abtreibungen in Argentinien nur in Ausnahmefällen erlaubt - bereits sechs Mal gab es Initiativen dies zu ändern. Alle scheiterten. Nun gibt es einen neuen Anlauf, ausgerechnet unter der konservativen Regierung von Präsident Mauricio Macri, selbst Abtreibungsgegner.

Nina Brugo, 73 und ein Urgestein der argentinischen Frauenbewegung, hat das Gesetzesprojekt mit verfasst: "Ich bin vorsichtig mit meinem Optimismus. Manche sagen, die Regierung begrüße die Initiative nur, um von ihren wirtschaftlichen Problemen abzulenken. Aber dann soll es mir Recht sein. Allerdings ist die Unterstützung in der Gesellschaft so groß wie nie. Jetzt müssen wir nur noch den konservativen Senat überzeugen."

Abtreibungsgegner machen mobil

Einfach wird das nicht. Abtreibungsgegner machen zum Klang der Nationalhymne mobil. Unterstützt wird ihr Protest von der gigantischen Pappmaché-Attrappe eines ungeborenen Babys, ganze sechs Meter lang - und Fahnen auf denen "Pro-Vida" steht.

"Wir sind für den Schutz des Lebens ab der Empfängnis, so sagt es auch die Jungfrau Maria. Niemand hat das Recht, über ungeborenes Leben zu entscheiden. Der Staat muss die Konditionen dafür schaffen, dass es keine Armut gibt und keine Vergewaltiger", sagt ein Abtreibungsgegner.

In der Heimat des Papstes wiegt das Wort der Kirche außerdem schwer - trotz der Trennung von Religion und Staat. Die Bischofskonferenz mahnte die Abgeordneten bereits per Videobotschaft, das Leben zu schützen. Und Esteban Bullrich, Senator der Provinz Buenos Aires und frühere Bildungsminister der Regierung, veröffentlichte bereits ein Gedicht, geschrieben aus der Ich-Perspektive eines Fötus, der seine Mutter darum bittet, nicht abzutreiben. Alle Register werden gezogen.

Selten wurde ein Gesetzesprojekt so emotional - aber auch so breit durch alle gesellschaftlichen Sektoren diskutiert. 1000 Redner - Ärzte, Künstler, Aktivisten - legen im Parlament derzeit Argumente dafür und dagegen dar.

"Ich habe immer gedacht, meine Mutter sei an einer Krankheit gestorben. Erst mit 14 erfuhr ich, dass es nicht so war. Sie starb an den Folgen einer illegalen Abtreibung, sie verblutete. Frauen treiben ab, das ist eine Realität, egal auf welche Weise. Statt sie  zu bestrafen, sollte der Staat dafür sorgen, dass sie es an einem sicheren Ort tun können. Damit keine einzige Frau mehr stirbt", fordert die bekannte transsexuelle Schauspielerin Flor de la V.

Kostenfrei und legal - wenn das Gesetz kommt

Wie viele Frauen durch Pfusch bei illegalen Abtreibungen sterben, ist nicht genau belegt. Amnesty International schätzt jedoch, dass bis zu einer halben Million Frauen pro Jahr illegal abtreiben und bei jedem zehnten Mal Komplikationen auftreten. Das Gesetzesprojekt würde Schwangerschaftsabbrüche nicht nur innerhalb der erste 14 Wochen erlauben. Abtreibungen wären zudem kostenfrei im öffentlichen Gesundheitssystem möglich.

Die bekannte Schriftstellerin Claudia Piñeiro plädierte an die Politiker: "In ein paar Jahren werdet ihr euren Kindern Enkelkindern in die Augen sehen müssen und Euch fragen lassen müssen: Stimmt es, dass Du gegen legale, kostenfreie und sichere Abtreibung gestimmt hast? Und sie werden Euch mit verständnislosen und erschreckten Augen anblicken. Denn wisst Ihr was? Die Zeiten haben sich geändert, wir Frauen verteidigen unsere Rechte und werden nicht abtreten. Also bitte, tut Eure Pflicht.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 10. März 2018 um 13:30 Uhr.

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