Befürworterinnen der Legalisierung von Abtreibungen feiern außerhalb des argentinischen Kongresses. | dpa

Abtreibungsgesetz in Argentinien "Heute haben wir Geschichte geschrieben"

Stand: 30.12.2020 14:10 Uhr

Jahrelang kämpften Frauenbewegungen in Argentinien für ein Recht auf Schwangerschaftsabbrüche. Jetzt hat der Senat des südamerikanischen Landes für eine Legalisierung gestimmt - gegen den Widerstand der Kirche.

Von Anne Herrberg, ARD-Studio Buenos Aires

Es ist noch vor Sonnenaufgang, als vor Argentiniens Nationalkongress der Jubel ausbricht. Zehntausende hüpfen, springen, umarmen sich, Tränen fließen. Nach einer Marathonsitzung von mehr als zwölf Stunden hat der Senat Ja gesagt zur Legalisierung von Abtreibungen. "Ich kann gar nichts sagen, unglaublich, das ist einfach Wahnsinn", sagt eine Frau. Für eine andere ist dieser Tag historisch, wie sie aufgewühlt erzählt: "Heute haben wir Geschichte geschrieben, mehr gibt es nicht zu sagen, wir haben uns ein Recht erkämpft, und unser Kampf wird weitergehen".

Anne Herrberg ARD-Studio Rio de Janeiro

30 Jahre Kampf um Legalisierung

Die Straßen vor dem Kongress ist ein einziges Meer aus grünen Kopftüchern. Es ist zum Symbol des Kampfes für eine Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen geworden. Bisher standen Abtreibungen unter Strafe - außer nach Vergewaltigungen oder bei Gefahr für die Gesundheit der Mutter. Das nun verabschiedete Gesetz erlaubt eine Fristenlösung: Eingriffe sind bis zur 14. Woche erlaubt, kostenlos im öffentlichen Gesundheitswesen.

30 Jahre hat Argentiniens Frauenbewegung dafür gekämpft. Eine ähnliche Initiative war noch vor zwei Jahren am konservativen Senat gescheitert. Dieses Mal wurde das Gesetz von Präsident Alberto Fernandez persönlich eingebracht.

 "Es ley" - "Es ist Gesetz" steht auf einem Bildschirm, nachdem das argentinische Gesetz zur Legalisierung von Abtreibungen verabschiedet wurde. | dpa

"Es ley" - "Es ist Gesetz" steht auf einem Bildschirm, nachdem das Gesetz verabschiedet wurde. Die Sitzung wurde per Livestream übertragen. Bild: dpa

Senator Sergio Leavy von der Regierungspartei stimmte 2018 noch mit Nein. Heute sei er zu der Einsicht gekommen, dass es nicht um ihn oder sehne Überzeugungen gehe, sondern um die Situation von vielen Frauen, sagt er. "Ich weiß, wenn Frauen abtreiben wollen, tun sie es, heimlich. Wer kein Geld hat, geht zu irgendeiner Heilerin, zu jemandem, der keinerlei Praxis hat. Die Frage ist doch: Geben wir diesen Frauen, die Möglichkeit, den Eingriff sicher im Gesundheitssystem vorzunehmen oder treiben wir sie zu einer Praxis, die ihnen das Leben oder für immer die Gebärfähigkeit raubt?"

Geistliche warnen vor dem Gesetz

Leavy kommt aus Salta, in der Provinz im konservativen Norden ist der Einfluss der katholischen wie auch der evangelikalen Kirche besonders groß - und damit auch der Druck auf die Senatoren. Gegner des Gesetzes hielten während der Abstimmung ebenfalls Mahnwache vor dem Kongress - in der Farbe hellblau.

Mit dabei: ein riesiger, mit Kunstblut bespritzter Pappmaché-Fötus und viele Geistliche wie Pater Javier, der vor dem Gesetz warnt: "Auf dem Spiel steht, dass Argentinien seinen ersten nationalen Genozid absegnet. Mit diesem Gesetz werden Millionen Argentinier ausgerottet. Ihr Deutschen wisst sehr genau, was es bedeutet, dass ein Staat einen Teil seiner Bevölkerung zur Exterminierung freigibt."

Signalwirkung für Lateinamerika?

Noch kurz vor Abstimmung hatte sich Papst Franziskus auf Twitter gegen das Gesetz ausgesprochen. Dass ausgerechnet seine Heimat Argentinien das erste große Land Lateinamerikas wird, in dem Abtreibungen legalisiert sind, hat Signalwirkung für die gesamte Region, glaubt die Aktivistin Vero Gago: "Das ist von großer Bedeutung in einer Zeit, in der wir erleben, wie eine fundamentalistische Rechte, gemeinsam mit den Kirche versucht, die Uhr zurückzudrehen und Rechte einzuschränken. Wir bekommen Nachrichten von Frauenbewegungen aus der ganzen Welt, wie wichtig unser Kampf hier für ihre eigenen Kämpfe ist."

Schätzungen zufolge gibt es in Argentinien pro Jahr zwischen 300.000 und einer halben Million heimliche Abtreibungen. Etwa 40.000 Frauen werden jährlich mit Komplikationen nach illegalen Abtreibungen ins Krankenhaus eingeliefert. Laut Amnesty International ist dies die Hauptursache für die Müttersterblichkeit in dem südamerikanischen Land.

Über dieses Thema berichtete am 30. Dezember 2020 die tagesschau um 12:00 Uhr und Deutschlandfunk um 13:24 Uhr in der Sendung "Informationen am Mittag".

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Moderation 30.12.2020 • 20:49 Uhr

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