Die "Aquarius 2" rettet im Mittelmeer Flüchtlinge von einem kleinen Boot. | Bildquelle: AFP

Rettungsschiff im Mittelmeer "Aquarius 2" sucht Hilfe in Frankreich

Stand: 24.09.2018 21:37 Uhr

Dem letzten privaten Rettungsschiff im Mittelmeer, der "Aquarius 2", droht das Aus: Panama will ihm die Flagge entziehen. Die Retter setzen nun auf Frankreich - und erheben schwere Vorwürfe gegen Italien.

Von Sabine Wachs, ARD-Studio Paris

Es klingt fast wie eine Provokation, was Fréderic Penard, operativer Leiter von SOS Méditerrannée Frankreich, auf der Pressekonferenz verkündet. Die "Aquarius 2", zurzeit noch in den internationalen Gewässern vor der libyschen Küste, nimmt Kurs auf Frankreich: "Wir sind auf dem Weg nach Marseille. Für uns ist es die einzige Möglichkeit, die Registrierung unseres Schiffes zu klären. Sobald wir in einen Hafen fahren, kann uns Panama die Flagge entziehen und wir müssen alles tun, damit wir eine Registrierung bekommen und weiter machen können." Der Sitz von SOS Méditerrannée sei Frankreich, sei Marseille. "Wir bitten die französischen Behörden, den Hafen zu öffnen und die 58 Geretteten würdevoll von Bord gehen zu lassen", so Penard weiter.

Bisher hatte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron keinen der französischen Mittelmeerhäfen für zivile Rettungsschiffe geöffnet, sich auf das internationale Seerecht berufen. Das besagt: Schiffbrüchige müssen in den nächstgelegenen, sicheren Hafen gebracht werden - von der libyschen Küste aus ist der auf Malta oder eben in Italien.

Auch in diesem Fall reagierte die französische Regierung zurückhaltend. "Wie wir es in den vergangenen Monaten wiederholt getan haben, suchen wir eine europäische Lösung nach dem Prinzip des nächstgelegenen sicheren Hafens", erklärte die Regierung gegenüber der Nachrichtenagentur AFP. 

"Stehen mit dem Rücken zur Wand"

Auch Fréderic Penard und seine Organisation achten grundsätzlich internationale Regeln. "Wir selbst haben immer darauf geachtet und dafür plädiert, das internationale Seerecht einzuhalten. Jetzt haben wir eine außergewöhnlich kritische Situation, die eine außergewöhnliche Lösung verlangt. Wir wollen niemanden unter Druck setzen, keinen Präzedenzfall schaffen." Doch SOS Méditerrannée und die Mitbetreiber des Rettungsschiffs, Ärzte ohne Grenzen, stünden mit dem Rücken zur Wand.

Am Wochenende hatte Panama, unter dessen Flagge das Schiff seit gerade einmal einem Monat registriert ist, verkündet, die Registrierung zu löschen. Auf Druck Italiens, wie Fabienne Lasalle, Vizepräsidentin von SOS Méditerrannée erklärt: "In einem Schreiben an uns, beziehungsweise an unseren Reeder von den Behörden aus Panama, stand, dass sie auf den wirtschaftlichen und politischen Druck Italiens reagieren, dass Italien ihnen droht, ihnen Probleme bereiten wird, wenn die 'Aquarius' weiter unter der Flagge Panamas fährt. Wir haben das schriftlich."

Auf der Pressekonferenz forderten die beiden Hilfsorganisationen Panama auf, seine Entscheidung rückgängig zu machen. Zum anderen riefen sie auch alle EU-Staaten dazu auf, der "Aquarius 2" eine Registrierung zu ermöglichen. Ohne gültige Flagge wäre das Schiff nämlich lahmgelegt.

In vier Tagen in Marseille

"Noch geben wir unsere Mission nicht auf. Aber unsere Crew an Bord ist wirklich verzweifelt. Um uns herum sehen wir die Boote, die wir nicht retten können. Wir wurden von den italienischen Behörden gerufen und waren zu spät. Wir haben nur noch Rettungsinseln gefunden, die die italienischen Behörden aus der Luft abgeworfen hatten. Was aus den Menschen geworden ist, ob sie alle ertrunken sind, wir wissen es nicht."

Die "Aquarius 2" ist derzeit das einzige verbliebene zivile Rettungsschiff, das im Mittelmeer operiert. In vier Tagen könnte das Schiff seinen angestammten Hafen in Marseille erreichen. Bis dahin müssen die Betreiber, SOS Méditerrannée und Ärzte ohne Grenzen geklärt haben, ob Frankreich die 58 Geretteten von Bord gehen lässt.

Aquarius nimmt Kurs auf Marseille
Sabine Wachs, ARD Paris
24.09.2018 20:32 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 24. September 2018 um 20:00 Uhr.

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