Kommentar

"Aquarius" beendet Einsatz Mehr Tote - wenn Europa nichts dagegen tut

Stand: 07.12.2018 13:52 Uhr

Die "Aquarius" war ein Symbol der Menschlichkeit. 30.000 Menschen rettete sie aus Seenot - weil die EU sich nicht ausreichend kümmert. Mit dem Aus der "Aquarius" dürfte die Zahl der Toten weiter steigen.

Ein Kommentar von Jan-Christoph Kitzler, ARD-Studio Rom

Die "Aquarius" war für die einen ein Zeichen der Hoffnung und der Menschlichkeit. Für andere stand das 77 Meter lange Schiff für ein perverses System - für die große Verzweiflung unzähliger Schutzbedürftiger: Dafür, dass Menschen, die vor Krieg, Terror, Folter, auch Armut und dem Klimawandel fliehen, an den Grenzen Europas noch einmal ihr Leben aufs Spiel setzen müssen.

Für andere wiederum, auch das soll gesagt sein, war die "Aquarius" ein rotes Tuch: Sie sahen ihre Besatzung als Teil eines Schlepperkartells, das illegale Flucht nach Europa organisiert - und somit erst viele Migranten anlockt.

Sprach man mit den freiwilligen Helfern an Bord, dann sagten viele, sie würden den Einsatz lieber nicht machen. Ihnen wäre es lieber, wenn Migranten nicht ihr Leben aufs Spiel setzen müssten, wenn es nicht die vielen Menschen in Seenot, die vielen Toten gäbe. Aber weil die Wirklichkeit nun mal anders ist, gab es für Sie keine Alternative als diese Menschen zu retten.

EU und Libyen tun zu wenig

Die "Aquarius" war im Einsatz, das wird oft vergessen, weil sich Europa an seinen Grenzen zu wenig um die Rettung von Menschen gekümmert hat. Als das Schiff im Februar 2016 in den Einsatz ging, hatte Italien seine Rettungsmission "Mare Nostrum" längst beendet. Und Europa begann, auf Libyen zu setzen, die Küstenwache dort aufzurüsten und auszubilden. Dabei ist Libyen ein zerfallener Staat. Wie soll eine Regierung, die nicht einmal die Hauptstadt Tripolis dauerhaft kontrolliert, die Seenotrettung an den Küsten organisieren?

Überhaupt die Zustände in den libyschen Lagern: Migranten, die es nach Europa geschafft haben, berichten von Folter, massenhaften Vergewaltigungen, Hinrichtungen und regelrechten Sklavenmärkten. Das Geschäft mit den Migranten machen andere, sicher nicht die Crew der "Aquarius".

Zahl der Toten wird steigen

Zuletzt hatte man versucht, den Rettern von "SOS Méditerranée" und "Ärzte ohne Grenzen" so viele Steine wie möglich in den Weg zu legen. Italien blockierte seine Häfen, zweimal wurde die Schiffslizenz entzogen. Nun sehen die Retter keine Möglichkeit mehr weiterzumachen.

Die "Aquarius" und die vielen Helfer an Bord haben seit Februar 2016 fast 30.000 Menschen aus Seenot gerettet und in sichere Häfen gebracht. Oft haben sie auch die Toten geborgen. Auch dieses Jahr sind schon wieder mehr als 2100 Menschen bei der Flucht über das Mittelmeer ertrunken.

Ohne die "Aquarius" wird sich diese Zahl weiter erhöhen - wenn Europa so weiter macht.

Rettungsschiff Aquarius stellt ihren Dienst ein
Jan-Christoph Kitzler, ARD Rom
07.12.2018 12:53 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 07. Dezember 2018 um 12:45 Uhr.

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