Labour-Chef James Corbyn | Bildquelle: AP

Debatte in Großbritannien Wie definiert Labour Antisemitismus?

Stand: 04.09.2018 04:49 Uhr

In der Antisemitismus-Debatte gerät Labour-Chef Corbyn immer stärker unter Druck. Nachdem seine Partei eine gebräuchliche Definition abgelehnt hat, muss sie nun klären: Antisemitismus - was ist das überhaupt?

Von Anne Demmer, ARD-Studio London

Unterstützer des Labour-Vorsitzenden Jeremy Corbyn haben an diesem Abend am Red Lion Square im Zentrum von London zu einer Podiumsdiskussion geladen. Es soll um Corbyn, Antisemitismus und die Palästinenser-Gebiete gehen. Eine Schlange hat sich vor dem Veranstaltungsort gebildet, das Interesse ist groß. Die Stimmung ist aufgeheizt. Einige Aktivisten der "Campaign for Jews" liefern sich lautstark Wortgefechte mit den Veranstaltern und Besuchern.

"Genug ist genug", skandieren sie. "Wir werden nicht länger tatenlos zusehen und euren Judenhass akzeptieren."

Das Thema ist sensibel. Aufnahmen oder Kameras sind an diesem Abend bei der Veranstaltung nicht zugelassen. Vor dem Eingang verteilen die Veranstalter Flyer: "Verteidigt Corbyn". Barbara Partel wartet auf den Einlass. Sie nimmt Corbyn in Schutz, obwohl sie selbst Familie im Holocaust verloren hat. Die rechte Presse mache Stimmung gegen Corbyn, sagt sie. "Dass er ein Antisemit sein soll, das ist ein Witz."

Immer wieder harsche Kritik an Israel

Seit Wochen steht Jeremy Corbyn immer wieder in der Kritik. Die Zeitungen der überwiegend konservativen Presse haben in der Tat einiges ausgegraben: Hamas und Hisbollah bezeichnete Corbyn 2009 als Freunde. 2012 verteidigte er auf Facebook einen Künstler, der Juden mit Hakennasen beim Monopoly-Spiel karikierte. Er habe das Bild zu schnell gelikt, redet er sich später heraus.

Zuletzt erschien ein Video aus dem Jahr 2013 - es zeigt den Labour-Vorsitzenden als Redner auf einer Veranstaltung. "Zionisten verstehen die britische Ironie nicht, obwohl sie ihr ganzes Leben in England verbracht haben", sagte er.

Der linke Politiker wurde 2015 überraschend zum Parteivorsitzenden gewählt. Corbyn hat sich sein gesamtes Politiker-Leben leidenschaftlich gegen Rassismus und für Minderheiten in der ganzen Welt eingesetzt, vor allen Dingen für die Palästinenser. Israel hat er immer wieder harsch kritisiert. Harte Kante gegen Antisemitismus lasse er vermissen, sagen seine Kritiker.

Offener Angriff bei Parlamentssitzung

Im Juli hat die Labour Partei einen Verhaltenskodex zum Antisemitismus  erarbeitet. Die Antisemitismus-Definition der Internationalen Allianz für Holocaust-Gedenken diente als Grundlage, allerdings wurde sie nicht komplett übernommen. Die Begründung: Diese Definition lasse keine Israel-Kritik zu, sie sei überholt.

Von den elf Beispielen für Antisemitismus wurden vier Beispiele nicht übernommen. Für Labour gilt demnach nicht als judenfeindlich, Israels Existenz als Staat als rassistisches Unterfangen zu bezeichnen. Das löste einen Aufschrei aus. Die jüdische Labour-Abgeordnete Margaret Hodge griff den Vorsitzenden bei einer Parlamentssitzung offen an. Corbyn sei ein "Antisemit" und "Rassist".

"Es gibt eine sehr schmale Linie zwischen der Unterstützung pro-palästinensischer Gruppen und Antisemitismus", sagte sie. "Und ich glaube, er steht jetzt auf der falschen Seite dieser Linie."

Protest-Brief von Rabbinern

Ein zunächst angestrengtes Disziplinarverfahren gegen Hodge wurde mittlerweile eingestellt. Aus Protest hat nun auch der langjährige Abgeordnete Frank Field seine Fraktion im Unterhaus verlassen. Er warf der Labour-Parteiführung vor, eine Kraft des Antisemitismus in der britischen Politik zu werden.

Corbyn steht unter Druck. Nun will die Partei über die Antisemitismus- Definition abstimmen. Zusammen mit rund 60 weiteren Rabbinern hat die in London lebende deutsche Rabbinerin Lea Mühlstein einen Protest-Brief verfasst. Sie seien bei der Erarbeitung der Definition nicht einbezogen worden, so die Kritik.

"Selbst England, die meisten Gemeinden, die Polizei, haben die Definition übernommen, das ist ja das Absurde an dieser Diskussion", sagt sie. "Dass die Labour-Partei meint, sie könne das besser, ist einfach absurd. Wenn man trotz Monaten der öffentlichen Diskussion nicht in der Lage ist, zu sagen, wir akzeptieren, was alle anderen auch für akzeptabel erachten - dann heißt das, uns ist die jüdische Gemeinschaft einfach egal."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 04. September 2018 um 08:25 Uhr.

Darstellung: