Hakenkreuze gesprüht auf Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof von Herrlisheim in der Nähe von Straßburg, Frankreich. | Bildquelle: dpa

Antisemitismus in Frankreich "Zunehmend ungehemmter Hass"

Stand: 12.02.2019 14:15 Uhr

Hetze, Hakenkreuze, Schändungen von Denkmälern - die Zahl antisemitischer Straftaten in Frankreich ist im vergangenen Jahr um 74 Prozent gestiegen. Oft werden sie bei den Gelbwestendemos begangen.

Von Sabine Wachs, ARD-Studio Paris

Auf dem gelben Briefkasten im Pariser 13. Arrondissement prangt das Porträt der Ausschwitz-Überlebenden Simone Veil. In der ganzen Stadt schmücken Bilder der Holocaust-Überlebenden und Frauenrechtlerin Hauswände, Mauern oder eben auch Briefkästen. Nach ihrem Tod im Jahr 2017 hatte ein Kollektiv von Streetartkünstlern mit Plakaten und Graffitis ihre Bewunderung für Simon Veil ausgedrückt. Seit dem Wochenende ist ihr Porträt auf diesem Briefkasten mit zwei fetten, schwarzen Hakenkreuzen übersprüht.

"Wir müssen sehen, dass es Frankreich schlecht geht", sagte Simone Veils Sohn Pierre-Francois Veil am Morgen im Radiosender France Info. "Polizisten werden angegriffen. Es wird sich an Symbolen der Republik vergangen, am Triumphbogen. Wen wundert es da wirklich, dass auch Ikonen angegriffen werden, Ikonen wie meine Mutter oder Ilan Halimi."

Hakenkreuze auf Briefkästen in Paris, die das Porträt der französischen Politikerin und Holocaust-Überlebenden Simone Veil zeigen. | Bildquelle: AP
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Hakenkreuze auf Briefkästen in Paris, die das Porträt der französischen Politikerin und Holocaust-Überlebenden Simone Veil zeigen.

Entführt, gefoltert und getötet

Die Schändung des Denkmals für Ilan Halimi ist der zweite große Vorfall des vergangenen Wochenendes. Halimi war im Jahr 2006 entführt, gefoltert und getötet worden, weil er Jude war. Unbekannte sägten nun den Baum durch, der in seinem Andenken im Pariser Vorort Genevieve-des-Bois gepflanzt worden war.

Dort, wo der junge Mann zu Tode gefoltert wurde, äußerte sich Frankreichs Innenminister Christophe Castaner zu den neuesten Zahlen antisemitischer Übergriffe im Land. "Der Antisemitismus ist wie ein Gift. Er greift an, er breitet sich langsam aus, und er tötet", sagte er. Der Antisemitismus sei im vergangenen Jahr um 74 Prozent gestiegen. Er setze sich auch weiter in vielen Köpfen fest und richte großes Unheil an.

Gradmesser für Hass in einer Gesellschaft

Im Jahr 2018 wurden insgesamt 541 antisemitische Übergriffe in Frankreich registriert. Dazu zählen sowohl körperliche Übergriffe als auch die zahlreichen Schmierereien. Letztere sind seit November vor allem nach den Ausschreitungen bei den "Gelbwesten"-Demos an vielen Orten zu finden. Es werden zum Beispiel Sätze wie "Macron du Judensohn" an Türen oder Hauswände gesprüht.

Joel Mergui, Präsident des französischen Zentralrats der Juden, wundert es nicht, dass antisemitische Äußerungen und Übergriffe im aktuell angespannten Klima der französischen Gesellschaft zunehmen. "Ich glaube, wir sind in einer Zeit, in der sich der Hass zunehmend ungehemmt ausdrückt. Und Judenhass ist immer auch ein Gradmesser für Hass insgesamt in einer Gesellschaft."

"Es ist eine beklemmende Beobachtung"

Extrem rechte wie auch extrem linke Gruppierungen schüren den Hass vor allem in den sozialen Netzwerken sowie auch am Rande der samstäglichen Gelbwestendemonstrationen. Es wird gehetzt gegen Präsident Macron und gegen seine Regierung sowie gleichermaßen gegen Ausländer, Homosexuelle und Juden.

"Es ist eine beklemmende Beobachtung - diese völlig entfesselten Äußerungen. Rassistisch, antisemitisch. Es ist wirklich beunruhigend", sagte Mario Stasi, Präsident der Liga gegen Rassismus und Antisemitismus. Unter anderem lasse sich das durch die Anonymität in den sozialen Netzwerken erklären. "Dort tun Menschen ihre Meinung kund, Meinungen, die eine Straftat sind."

Auch die Hakenkreuze, die im 13. Pariser Arrondissement auf dem Briefkästen über das Porträt von Simone Veil geschmiert wurden, sind eine Straftat. Die Pariser Bürgermeisterin Anne Hildalgo hat bereits angekündigt, Anzeige gegen Unbekannt zu erstatten.

Zahl der antisemitischen Vorfälle in Frankreich gestiegen
Sabine Wachs, ARD Paris
12.02.2019 13:18 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 12. Februar 2019 um 15:20 Uhr.

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