Abwässer von nahegelegenen Pharmafabriken am Rande der indischen Millionenmetropole Hyderabad verunreinigen das Wasser.

Antibiotika in indischem Abwasser Es stinkt gewaltig

Stand: 02.03.2020 16:01 Uhr

In Indien soll ein neues Gesetz verhindern, dass Pharmafabriken Abwässer mit Antibiotika in die Umwelt leiten. Doch Kritiker sind skeptisch, ob dies reicht. Recherchen von NDR, WDR und "SZ" hatten gezeigt, wie gravierend das Problem ist.

Von Christian Baars und Peter Hornung, NDR

Anil Dayakar zeigt auf ein Rohr. Eine gelblich-bräunliche Brühe läuft hinaus. Es stinkt gewaltig, ein süßlich-chemischer Geruch. Aus dem Rohr fließen Abwässer von nahegelegenen Pharmafabriken am Rande der indischen Millionenmetropole Hyderabad. Über einen kleinen Kanal werden sie in ein offenes Becken geleitet. Von dort fließen sie über einen Bach in die Umgebung. Gereinigt wird das Abwasser hier nicht. "So sieht kein normales Wasser aus", sagt der Umweltschützer. Im Wasser seien Reste von Arzneimitteln.

Der Umweltschützer Anil Dayakar zeigt am Rande der indischen Millionenmetropole Hyderabad verunreinigtes Wasser.
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Anil Dayakar zeigt die Stellen, an denen Abwässer von Pharmafabriken das Wasser gelblich-braun verfärben und für unangenehmen Geruch sorgen.

Vor gut drei Jahren haben Recherchen von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" gezeigt, dass an dieser Stelle und in vielen anderen Gewässern in Hyderabad extrem hohe Konzentrationen an Antibiotika zu finden sind. Sie stammen offensichtlich aus verschiedenen Fabriken. Einige von ihnen produzieren auch Medikamente für den deutschen Markt. Hyderabad gilt als Arzneimittel-Hauptstadt Indiens und als einer der wichtigsten Produktionsstandorte weltweit.

Die Folge: Resistente Bakterien breiten sich aus

Die Antibiotika in den Gewässern führen dazu, dass sich extrem resistente Bakterien global ausbreiten können. Das Problem ist seit Jahren bekannt. Dennoch hat sich bislang kaum etwas verbessert, sagt Dayakar. Manche Firmen seien lediglich vorsichtiger geworden. Sie wollten sich nicht so leicht erwischen lassen, wenn sie ungereinigte Abwässer in die Umwelt kippen. Auf manche Rohre hätten Firmen einfach einen Deckel gesetzt. "So können wir nicht feststellen, wo das herkommt."

Einige Unternehmen versichern jedoch, tatsächlich die Abwasser-Reinigung verbessert zu haben, so etwa Aurobindo, einer der größten indischen Pharmahersteller. Die Firma hat nach eigenen Angaben ein System eingeführt, das sicherstellen soll, dass keinerlei Arzneimittelrückstände in die Umwelt gelangen.

Probennahme an einem See in Hyderabad
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2017: Probennahme an einem See in Hyderabad. Die Werte: bedenklich.

"Ein starkes Signal"

Außerdem liegt dem indischen Parlament seit Kurzem ein Gesetzentwurf vor, der strenge Grenzwerte für Antibiotika-Rückstände in den Fabrikabwässern vorsieht. Ein starkes Signal, sagt Professor Joakim Larsson vom Forschungszentrum für Antibiotika-Resistenzen der schwedischen Universität Göteborg. Er beobachtet die Situation in Hyderabad seit mehr als zehn Jahren und hat als Erster hohe Antibiotika-Rückstände in den Abwässern nachgewiesen.

Das geplante Gesetz bezeichnet Larsson als "ehrgeizig", "mit recht niedrigen Grenzwerten". Und deshalb sei es ein ziemlicher Aufwand, das durchzusetzen, so Larsson, also die Einhaltung zu kontrollieren. "Ich frage mich, ob dafür auch die Mittel bereitgestellt werden". Sein Heimatland Schweden hat bereits vor Jahren vorgeschlagen, dass europäische Kontrolleure vor Ort überprüfen sollen, ob die Fabriken die Abwässer ausreichend reinigen. Die EU schickt zwar bereits Inspektoren nach Hyderabad. Sie dürfen aber nur Produktionsstandards überprüfen, um die Sicherheit der Arzneimittel zu gewährleisten. Umweltaspekte spielen dabei jedoch keine Rollen.

Mehr Kontrollen gefordert

Die Europaabgeordnete Jutta Paulus von den Grünen spricht sich deshalb dafür aus, diese Kontrollen auszuweiten. Es müsse gewährleistet sein, "dass die Bildung multiresistenter Keime verhindert wird beziehungsweise möglichst wenig stattfindet". Das Ziel: Wenn indische Firmen Medikamente in die EU exportieren, sollen europäischen Inspektoren überprüfen, ob sich die Hersteller an Umweltvorschriften halten. Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO hält dies für sinnvoll. Die EU selbst hatte die Ausweitung der Kontrollen erwogen, aber offenbar 2018 auf Druck der Industrie aus dem Entwurf für ein Strategiepapier zum Kampf gegen Arzneimittel in der Umwelt gestrichen.

Die Industrie setzt auf freiwillige Maßnahmen. Anfang dieses Jahres hat die sogenannte AMR Industry Alliance - eine Initiative von Pharmaunternehmen gegen Antibiotikaresistenzen - einen Bericht zu ihren Bemühungen veröffentlicht. Darin heißt es, die Firmen seien fest entschlossen, die Antibiotikarückstände in den Abwässern der Industrie zu minimieren. Nach Ansicht von Kritikern reichen ihre Bemühungen jedoch nicht aus.

Auch Umweltschützer Dayakar fordert strengere Kontrollen. Er wird häufig dafür angefeindet, dass er öffentlich auf das Problem aufmerksam macht und immer wieder ausländische Reporter zu den stinkenden Pharma-Tümpeln führt. Wenn es hier tatsächlich besser würde, sagt er, müsste er das nicht mehr tun. "Diese Leute sagen, sie strengten sich schon sehr an, die Umweltverschmutzung zu verringern", so Dayakar. Gleichzeitig würden sie ihm vorwerfen, Reportern zu zeigen, wie es hier wirklich aussehe. "Ich sage ihnen immer: Hört doch einfach auf mit dem hier. Dann gibt es auch keinen Grund mehr, jemanden herzubringen."

Tödliche Supererreger: Keine Entwarnung in Indien
Peter Hornung, NDR
03.03.2020 11:09 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 03. März 2020 um 11:51 Uhr.

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