Die Neumayer-Station III in der Antarktis. | Bildquelle: ARD-Studio Rio de Janeiro

Klimawandel in der Antarktis "Auch das Ende der Welt ist betroffen"

Stand: 02.12.2019 17:15 Uhr

Sie messen erhöhte CO2-Werte, fürchten um eine Kolonie Kaiserpinguine - und sind zunehmend frustriert von der Politik: Auf der Neumayer-Station III in der Antarktis beobachten Forscher die Auswirkungen des Klimawandels.

Von Matthias Ebert, ARD-Studio Rio de Janeiro

Wenn Stationsleiterin Birgit Steckelberg Gemüse ernten geht, muss sie sich erst einmal in ihren roten Schneeanzug zwängen, Polar-Stiefel anziehen und damit durchs ewige Eis der Antarktis stapfen. Es ist ein kleiner Fußmarsch - über die 200 Meter dicke Gletschereis-Schicht, auf der die deutsche Antarktis-Station Neumayer III steht.

Sobald Steckelberg in den weißen Container tritt, strömen ihr Kräuterdüfte entgegen und der Geruch nach Tomate, Paprika und Gurken. Zwei Mal pro Woche genießen die Überwinterer der Neumayer-Station den Luxus, frisches Gemüse zu ernten - ein erheblicher Motivationsfaktor am südlichsten Arbeitsplatz Deutschlands.

Antarktis | Bildquelle: ARD-Studio Rio de Janeiro
galerie

Das Gemüse wächst im Container - ohne Erde.

Doch hinter dem Container-Garten steckt mehr. Er wurde vom Alfred-Wegener-Institut und dem Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum eingerichtet, um neue Anbaumethoden zu erproben. Das Gemüse wächst ohne Erde, lediglich an den Wurzeln besprüht durch eine spezielle Nährlösung. Von der Decke strahlen UV-LED und geben den Pflanzen so das nötige Licht für ein Wachstum auch im dunklen antarktischen Winter. Das Pilotprojekt ist bislang geglückt. Demnächst soll ein solcher "vertikaler Garten" auch auf der Raumstation ISS zum Einsatz kommen - und irgendwann auch bei Raumfahrten zum Mars.

"Für einen Wissenschaftler ist das deprimierend"

Draußen, ein paar hundert Meter weiter, macht Marcus Schumacher seinen täglichen Spaziergang zu seinem Arbeitsplatz. Er ist verantwortlich für das Observatorium für Luftchemie - also so etwas wie ein antarktischer Wächter über das Klimagas CO2.

Marcus Schumacher von der Neumayer-Station III. | Bildquelle: ARD-Studio Rio de Janeiro
galerie

Marcus Schumacher ist verantwortlich für das Observatorium für Luftchemie.

Schumachers Container steht extra 1,6 Kilometer entfernt von der Neumayer-Station, damit er dort ausschließlich reine Antarktis-Luft ansaugt, um sie auf ihre atmosphärischen Bestandteile zu analysieren. Dabei werden regelmäßig erhöhte Rußpartikel-Werte gemessen, wenn Amazonas-Urwälder in Südamerika brennen. Rußpartikel auf der Oberfläche verringern die Fähigkeit des ewigen Eises, Sonnenstrahlen zu reflektieren und verschlechtern damit die Energiebilanz der Antarktis.

Entscheidender ist für Schumacher aber das, was er in einem sich drehenden Laborglas mit einer milchigen Flüssigkeit misst. Natronlauge bindet dort atmosphärisches CO2. Obwohl es sich bei der Antarktis um eine der reinsten Umgebungen der Erde handelt, registriert Marcus Schumacher auch hier deutlich erhöhte CO2-Werte. Er kann dabei auch unterscheiden zwischen jenen Typen des Treibhausgases, die menschengemacht sind und solchen, die natürlich vorkommen. "Ich finde es erschreckend, diesen CO2-Anstieg zu sehen und gleichzeitig die Tatsache, dass wir nicht bereit sind, die Konsequenzen zu ziehen. Für einen Wissenschaftler ist das deprimierend."

MoMa-Reporter: Antarktis - Besuch der deutschen Neumayer-Station
Morgenmagazin, 29.11.2019, Matthias Ebert, ARD Rio de Janeiro

Download der Videodatei

Wir bieten dieses Video in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Video einbetten

Nutzungsbedingungen Embedding Tagesschau: Durch Anklicken des Punktes „Einverstanden“ erkennt der Nutzer die vorliegenden AGB an. Damit wird dem Nutzer die Möglichkeit eingeräumt, unentgeltlich und nicht-exklusiv die Nutzung des tagesschau.de Video Players zum Embedding im eigenen Angebot. Der Nutzer erkennt ausdrücklich die freie redaktionelle Verantwortung für die bereitgestellten Inhalte der Tagesschau an und wird diese daher unverändert und in voller Länge nur im Rahmen der beantragten Nutzung verwenden. Der Nutzer darf insbesondere das Logo des NDR und der Tageschau im NDR Video Player nicht verändern. Darüber hinaus bedarf die Nutzung von Logos, Marken oder sonstigen Zeichen des NDR der vorherigen Zustimmung durch den NDR.
Der Nutzer garantiert, dass das überlassene Angebot werbefrei abgespielt bzw. dargestellt wird. Sofern der Nutzer Werbung im Umfeld des Videoplayers im eigenen Online-Auftritt präsentiert, ist diese so zu gestalten, dass zwischen dem NDR Video Player und den Werbeaussagen inhaltlich weder unmittelbar noch mittelbar ein Bezug hergestellt werden kann. Insbesondere ist es nicht gestattet, das überlassene Programmangebot durch Werbung zu unterbrechen oder sonstige online-typische Werbeformen zu verwenden, etwa durch Pre-Roll- oder Post-Roll-Darstellungen, Splitscreen oder Overlay. Der Video Player wird durch den Nutzer unverschlüsselt verfügbar gemacht. Der Nutzer wird von Dritten kein Entgelt für die Nutzung des NDR Video Players erheben. Vom Nutzer eingesetzte Digital Rights Managementsysteme dürfen nicht angewendet werden. Der Nutzer ist für die Einbindung der Inhalte der Tagesschau in seinem Online-Auftritt selbst verantwortlich.
Der Nutzer wird die eventuell notwendigen Rechte von den Verwertungsgesellschaften direkt lizenzieren und stellt den NDR von einer eventuellen Inanspruchnahme durch die Verwertungsgesellschaften bezüglich der Zugänglichmachung im Rahmen des Online-Auftritts frei oder wird dem NDR eventuell entstehende Kosten erstatten
Das Recht zur Widerrufung dieser Nutzungserlaubnis liegt insbesondere dann vor, wenn der Nutzer gegen die Vorgaben dieser AGB verstößt. Unabhängig davon endet die Nutzungsbefugnis für ein Video, wenn es der NDR aus rechtlichen (insbesondere urheber-, medien- oder presserechtlichen) Gründen nicht weiter zur Verbreitung bringen kann. In diesen Fällen wird der NDR das Angebot ohne Vorankündigung offline stellen. Dem Nutzer ist die Nutzung des entsprechenden Angebotes ab diesem Zeitpunkt untersagt. Der NDR kann die vorliegenden AGB nach Vorankündigung jederzeit ändern. Sie werden Bestandteil der Nutzungsbefugnis, wenn der Nutzer den geänderten AGB zustimmt.

Einverstanden

Zum einbetten einfach den HTML-Code kopieren und auf ihrer Seite einfügen.

Kaiserpinguine - 2100 verloren?

So sieht das auch der Forscher Osama Mustafa aus Jena. Er hängt gerade den Schlitten mit der Notfallkiste an sein Schneemobil und braust anschließend los in Richtung der zugefrorenen Eisdecke des antarktischen Ozeans. Mustafa untersucht im Auftrag des Umweltbundesamts die Größe und das Verhalten der benachbarten Kaiserpinguin-Kolonie.

Mehr als 20.000 der Tiere brüten auf dem gefrorenen Ozean. Jedes Jahr kommen sie nach der Jagd zurück an die gleiche Stelle. Da sie keine natürlichen Feinde haben, sind die Kaiserpinguine zukünftigen Klimaveränderungen am stärksten ausgeliefert, weil sie am Ende der Nahrungskette auf ein intaktes Ökosystem und reiche Jagdgründe angewiesen sind.

Kaiserpinguine in der Antarktis | Bildquelle: dpa
galerie

Das Schicksal der Kaiserpinguine ist größtenteils an Meereis gebunden, weshalb sie besonders betroffen vom Klimawandel sind.

Die Forscher wollen herausfinden, welche Wege die Tiere bei der Jagd zurücklegen, wie sich die Kolonie entwickelt und welchen Risiken sie ausgesetzt ist. Dabei betont Mustafa die langfristige Gefahr für die Population, sollten sich die Temperatur in den kommenden Jahrzehnten erwärmen. Sein Fazit: "Wenn wir das im Paris-Abkommen vereinbarte 1,5 oder 2 Grad-Ziel einhalten, ist diese Pinguin-Art zu retten. Wenn nicht, geht sie spätestens bis 2100 verloren." In anderen Regionen der Antarktis sind bereits Pinguinkolonien verschwunden, weil die Eisdecke früher als sonst aufgebrochen ist.

Frust über die zögerliche Politik

Die Analyse von Klimaveränderungen und eine Abschätzung der Klimafolgen sind die derzeit wichtigsten Forschungsbereiche für deutsche Wissenschaftler im ewigen Eis. Gleichzeitig steigt bei den Experten die Frustration darüber, dass die Politik aus ihrer Sicht bislang unzureichend auf die Klimaveränderungen reagiert.

Forscher nehmen an den den internationalen Klimaprotesten teil und stehen mit einem Schild und Plakaten vor der Neumayer-Forschungsstation in der Antarktis. | Bildquelle: ARD-Studio Rio de Janeiro
galerie

Antarktischer Protest für Klimaschutz: Dass aus dem CO2-Anstieg keine Konsequenzen gezogen werden, frustriert die Forscher.

Deshalb beteiligen sich die meisten von ihnen an den "Fridays for Future"-Protesten. Mit Transparenten stellen sie sich im Schnee auf, um eine bessere Klimaschutzpolitik einzufordern. "Wir sind zwar am Ende der Welt, aber auch das Ende der Welt ist mittlerweile vom Klimawandel betroffen", sagt Marcus Schumacher, rollt sein Transparent aus und rammt die dazugehörigen Bambus-Stangen in den Schnee.

Das Foto der Protestaktion hat Symbolwert: Es ist der vermutlich südlichste Klimaprotest der Erde.

Über dieses Thema berichtete das Erste am 29. November 2019 um 06:43 Uhr im ARD-Morgenmagazin.

Ihre Meinung - meta.tagesschau.de

Darstellung: