Angriff auf Tel Aviver Homosexuellen-Zentrum Entsetzen in der weltoffenen Mittelmeer-Metropole

Stand: 03.08.2009 09:00 Uhr

Am Tag nach der tödlichen Attacke auf ein schwul-lesbisches Zentrum herrschte in Tel Aviv Entsetzen. Auch israelische Politiker verurteilten die Tat in ungewohnter Einigkeit. Die Polizei fahndet derweil weiter nach dem Täter - und die Stadt fürchtet um ihren toleranten Ruf.

Von Torsten Teichmann, ARD-Hörfunkstudio Tel Aviv

Am Nachmittag versammelten sich noch einmal Menschen vor dem Haus in der Nachmani Straße 28 in Tel Aviv - Mitarbeiter des schwul-lesbischen Vereins, Politiker, Schwule, Lesben und Freunde. Die meisten von ihnen waren immer noch geschockt über den Anschlag der vergangenen Nacht.

Augenzeugen berichten, es sei 22.40 Uhr gewesen, als plötzlich Schüsse zu hören waren. Die Polizei erklärte, der Attentäter sei im Haus in der Nachmani Straße in den Keller gegangen. Dort habe er mit einer automatischen Waffe auf die Teilnehmer eines Treffens geschossen. Zwei Menschen starben, zehn weitere wurden verletzt - manche von ihnen schwer. Die Polizei erklärte, die Mehrzahl der Opfer des Anschlags sei noch nicht volljährig.

Trauer in Tel Aviv nach tödlichem Anschlag auf schwul-lesbisches Zentrum
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Am Tag nach dem Attentat versammelten sich viele Menschen vor dem Zentrum - Tel Aviv gilt als Zentrum der nahöstlichen Homosexuellen-Bewegung.

Die meisten der Opfer waren minderjährig

Das Treffen war eine Mischung aus Party und Beratungsangebot des Schwul-Lesbischen Vereins, der sich damit vor allem an Israelis zwischen 15 und 18 Jahren wendete. Die israelische Tageszeitung Ha'aretz zitiert eines der Opfer: Es mache ihm Angst, wenn er sich vorstelle, dass einige Eltern der Teilnehmer auf diese Art von der Homosexualität ihrer Kinder erfahren könnten.

Die Veranstalter legten Wert auf eine geschützte Atmosphäre für die Jugendlichen. Sie hätten zum Beispiel nach der Eröffnung des neuen, sehr öffentlichen Community Zentrums das Treffen nicht wie die anderen Veranstaltungen verlegt, sondern am angestammten Ort belassen, so ein Vereinsmitglied.

Krankenwagen nach Anschlag auf Homosexuellen-Zentrum in Tel Aviv
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Der Täter erschoss bei seiner spätabendlichen Attacke zwei Menschen und verletzte zehn weitere.

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu verurteilte das Attentat zu Beginn der wöchentlichen Kabinettssitzung. Außenminister Silwan Schalom sprach von einem Massaker, das nicht toleriert werden könne. Er hoffe, dass die Polizei alle Möglichkeiten nutze, um den Mörder zu ermitteln und vor Gericht zu bringen.

Die Beamten in Tel Aviv hatten noch in der Nacht versucht, den flüchtenden Attentäter zu stellen - mit zusätzlichen Polizisten und Streifenwagen. Am Tag setzten sie ihre Suche fort. Nach Polizeiangaben gingen die Beamten von Haustür zu Haustür. Bisher blieb die Fahndung jedoch ohne Erfolg. Beim Motiv ermittelt die Polizei nach eigenen Angaben in alle Richtungen. Hass gilt aber als sehr wahrscheinlich.

Werben um homosexuelle Touristen

Tel Aviv gilt als Zentrum der Homosexuellen-Bewegung in Nahost. Die Stadt betont ohnehin gern ihren Unterschied zum Rest des Landes. So ist Tel Aviv deutlich weniger religiös als beispielsweise Jerusalem. Mit dem Image der weltoffenen Mittelmeer-Metropole lockt die Stadt Touristen aus der ganzen Welt an. Der Anschlag könnte allerdings vor allem schwule und lesbische Touristen verschrecken, die auch eine wirtschaftliche Größe in Israels größter Stadt darstellen.

Der Bürgermeister von Tel Aviv, Ron Huldai, erklärte deshalb, die Stadt werde auch in Zukunft ein offenes Haus für Schwule und Lesben sein. Die Stadt kämpfe für das Recht jedes einzelnen Menschen, sein Leben so zu führen, wie es ihm passt.

Diese sehr weltliche Sicht der Dinge hat auch viele Kritiker im Land. Doch nach dem Anschlag spricht auch die ultra-orthodoxe Schas-Partei nicht mehr von Moral, Religion und Unterschieden. In einer Erklärung heißt es stattdessen: Wir verurteilen ohne Abstriche den Anschlag auf Tel Avivs schwule Szene.

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