Oguz G. | Bildquelle: NDR

Anschlagsziel Deutschland Wie der IS Attentäter einschleusen wollte

Stand: 17.10.2018 17:00 Uhr

Ein großer Anschlag in Deutschland - das war der Plan einer Gruppe deutscher Islamisten der IS-Terrormiliz. Doch der Plot scheiterte. Oguz G. war an den Plänen direkt beteiligt - Reporter von NDR, WDR und SZ sprachen mit ihm.

Von Volkmar Kabisch, Georg Mascolo und Amir Musawy

Er sitzt auf einem Plastikstuhl und sucht mit unruhigen Augen den Raum ab. Fast ein Jahr hat es gedauert, bis die Reporter von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" den Mann besuchen durften. Er heißt Oguz G., ist 39 Jahre alt, großgewachsen. G. stammt aus Hildesheim in Niedersachsen. Im Oktober 2017 ergab er sich kurdischen Kämpfern in den Gefechten um die syrische Islamistenhochburg Rakka. Seither sitzt er in einem Gefängnis in Nordsyrien und hofft sobald wie möglich nach Deutschland zurückkehren zu können.

"Ich bin da reingerutscht"

Oguz G. verließ Hildesheim 2015, war dann zunächst Kämpfer des "Islamischen Staats" im Irak. Später siedelte er mit seiner Frau ins syrische Rakka über. Dann wurde Oguz G. Teil eines mörderischen Plans. Gemeinsam mit Marcia M., seiner zum Islam konvertierten Frau, war er eine Art Quartiermacher der Dschihadisten, die in Deutschland einen großen Anschlag planten und ein verheerendes Blutbad anrichten wollten. "Ich bin da reingerutscht", sagt er heute. Als er vom eigentlichen Plan erfuhr, habe er versucht "aus der Sache wieder rauszukommen".

Oguz G. | Bildquelle: NDR
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Oguz G. war für eine "Spezialmission" des IS ausgewählt: einen Anschlag in Deutschland.

Die Geschichte beginnt im Jahr 2016. Damals, so schildern es deutsche Sicherheitsbehörden, entstand beim "Islamischen Staat" so etwas wie der Wunsch, Deutschland enger in den Fokus zu nehmen und auch hierzulande nach kleineren Attacken einen großen Anschlag zu versuchen. Zuvor, im November 2015, hatte es zunächst Paris und dann 2016 Brüssel getroffen. Es ist der Moment, in dem ein "Bruder" auf Oguz G. zugeht und von einer "Spezialmission" erzählt, für die er auserwählt worden sei. Der Niedersachse möge bitte Frauen in Deutschland suchen, die bereit seien, Kämpfer zu heiraten und zu beherbergen - zur Tarnung. Marcia M., inzwischen eingeweiht von ihrem Mann, nimmt mit Frauen in der norddeutschen Salafistenszene Kontakt auf.

Die Glaubensschwester arbeitet für den Verfassungsschutz

Was Marcia M. nicht weiß: Die angeschriebene Glaubensschwester in Deutschland ist eine Quelle des Bundesamtes für Verfassungsschutz. Ein glücklicher Zufall für die Sicherheitsbehörden. "Für uns war die Faktenlage in diesem Fall sehr konkret und auch belastbar. Das ist häufig nicht der Fall", sagt Generalbundesanwalt Peter Frank im Gespräch mit NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung". Nun können die Ermittler, die mit dem Verfassungsschutz und dem Bundesnachrichtendienst zusammenarbeiten, recht genau nachvollziehen, was der IS plant. 

So schreibt Marcia M. im November 2016 der vermeintlichen Glaubensschwester: "Guck mal, es gibt Brüder, die jetzt kommen wollen." Daher solle sie ihr Handy von nun an nicht mehr abschalten. Die deutschen Sicherheitsbehörden fürchten, ein Anschlag könne unmittelbar bevorstehen. Im Gemeinsamen Terrorismus-Abwehr-Zentrum (GTAZ) bekommt der Fall höchste Priorität. Ende November schreibt Marcia M.: "Das Paket ist hängengeblieben." Es gab also offenbar Probleme.

Im Januar eine weitere Nachricht von Marcia M.: Das Paket sei "gerade am Ballern". Offenbar sind die vermeintlichen Attentäter noch in Syrien im Kampfeinsatz. Die Kommunikation wird weniger, reißt schließlich ganz ab. Der Fall verliert an Brisanz.  

Ein Mann geht durch eine zerstörte Straße in Rakka.
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Die einstige IS-Hochburg Rakka wurde im vergangenen Jahr von kurdischen Kämpfern zurückerobert.

Marcia M. und Oguz G. werden in Rakka verhaftet

Das ändert sich erst vor gut einem Jahr. Damals verhaften Kurden bei der Erstürmung Rakkas ein deutsches Paar - Marcia M. und ihren Mann Oguz G. Die beiden hatten sich in den letzten Tagen der Gefechte um die einstige Hauptstadt der Terrormiliz ergeben. Sie kommen wie viele andere Deutsche in Haft. Die beiden sagen zunächst gegenüber den Kurden, später auch vor Agenten des Bundesnachrichtendienstes aus. Sie gestehen ihre Beteiligung, nennen wichtige Fakten.

Einreise in drei Teams

Seither setzen Ermittler Stück für Stück ein Bild der Anschlagsplanung zusammen. Demnach sollten insgesamt drei Teams von Attentätern nach Deutschland reisen. Diese hätten konkrete Anweisungen erhalten, wie sie sich zu verhalten hätten. So sollten sie beispielsweise ihr Äußeres durch Haartransplantationen und durch die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln verändern, um bei der Einreise nach Deutschland nicht aufzufallen. Auf zwei in der Türkei verhaftete deutschstämmige Islamisten passt diese Beschreibung.

Oguz G. | Bildquelle: NDR
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Oguz G. ist derzeit in Rakka in Haft. Ebenso seine Frau Marcia M.

Die zweite Gruppe habe ebenfalls aus zwei Männern bestanden, darunter ein Mann, der sich Abu Qaaqa nannte. Dabei handelt es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um den ebenfalls aus Hildesheim stammenden Dominik W. Er war bereits 2014 nach Syrien ausgereist und hatte sich dort dem IS angeschlossen. Nun sollte er nach Deutschland zurückkehren und töten. Im Interview mit NDR, WDR und SZ sagte Oguz G.: "Ich habe halt solche Sachen mitbekommen, dass man sich zum Beispiel tätowieren soll. Einfach Tarnung."  Am Ende habe es dann geheißen: "Geht zurück, um euch dann irgendwo in die Luft zu jagen."

Fahndung nach dem Chefplaner

Wer zur dritten Gruppe gehörte, ist bis heute unklar. Allerdings konnten Marcia M., Oguz G. und ein weiterer Zeuge eine Aussage treffen, wer als Chefplaner agiert habe. Ein Mann namens Abu Mussab al-Almani - der Deutsche also. Er soll es in der Abteilung für "Externe Operationen" der Terrormiliz, die auch hinter den Anschlägen in Paris und Brüssel stehen soll, weit gebracht haben. Fieberhaft ermitteln Fahnder. Inzwischen sind sie sich weitgehend sicher, dass der Deutsche gar kein Deutscher ist, sondern Schweizer. Thomas C. lebte aber bis zu seiner Ausreise 2013 in Frankfurt am Main. Vieles spricht dafür, dass Thomas C. inzwischen tot ist. Sicher ist das nicht. Deshalb laufen die Ermittlungen weiter. Und selbst wenn sich die Todesnachricht bestätigte, so ein Ermittler, wisse man nicht, ob einige der Beteiligten noch immer aktiv sind. Und womöglich weiter Anschläge planen.

"Wir versuchen weiterhin, aller Beschuldigten habhaft zu werden", sagt Generalbundesanwalt Frank. Gegen Oguz G. und Marcia M. wurde Haftbefehl erlassen, sie warten auf ihre Überstellung nach Deutschland.

Recherche über Terroranschläge: IS plante Anschläge auch in Deutschland
tagesthemen 22:15 Uhr, 17.10.2018, V. Kabisch, G. Mascolo, A. Musawy, NDR

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 17. Oktober 2018 um 17:05 Uhr.

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