Blick auf das AKW Saporischschja (Archivbild: 20.10.2015) | AP

Saporischschja in der Südukraine Russische Truppen kontrollieren Atomkraftwerk

Stand: 04.03.2022 11:08 Uhr

Das Feuer auf dem Gelände des AKW Saporischschja ist gelöscht. Ukrainischen Angaben zufolge hatten russische Truppen die Anlage beschossen. Russland dagegen spricht von einer "ungeheuerlichen Provokation" ukrainischer Saboteure.

Nach intensiven Gefechten haben die russischen Streitkräfte das größte Atomkraftwerk Europas in Saporischschja örtlichen Angaben zufolge eingenommen. Das in der Nacht bei den Kämpfen ausgebrochene Feuer in einem Gebäude für Ausbildungszwecke des Atommeilers wurde gelöscht, teilten die ukrainischen Behörden mit.

Nach Behördenangaben waren die Reaktorblöcke nicht betroffen. Das russische Verteidigungsministerium erklärte, man kontrolliere das Kraftwerk. Es funktioniere normal.

IAEA: Keine erhöhte Radioaktivität

Laut Internationaler Atomenergiebehörde (IAEA) wurden bei dem Brand wesentliche Ausrüstungen verschont. Die Strahlungswerte seien unverändert, teilte die UN-Behörde unter Berufung auf die ukrainischen Aufsichtsbehörden mit. Die IAEA war während des Feuers und der Kämpfe eigenen Angaben zufolge mit den ukrainischen Behörden in Kontakt.

Karte: Ukraine mit Kiew, Charkiw, Mariupol, Cherson, Schytomyr, AKW Saporischschja und Separatistengebiet

Gegenseitige Schuldzuweisungen

Das russische Verteidigungsministerium machte ukrainische Saboteure für den Angriff auf das AKW verantwortlich und bezeichnete ihn als "ungeheuerliche Provokation".

Nach ukrainischen Angaben griffen russische Streitkräfte das Kraftwerk in den frühen Morgenstunden an und setzten ein angrenzendes fünfstöckiges Schulungsgebäude in Brand. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj warf der russischen Armee vor, gezielt auf das Kraftwerk zu zielen: "Das sind mit Wärmebildkameras ausgerüstete Panzer, sie wissen also, worauf sie schießen."

"Wenn es eine Explosion gibt, ist das das Ende von allem. Das Ende Europas", warnte er. Selenskyj erklärte weiter, nur eine Flugverbotszone garantiere, dass Russland die nukleare Infrastruktur nicht bombardiere.

Er wandte sich zudem direkt an die russische Bevölkerung und rief sie zu Protesten gegen die Beschlagnahmung von Kernkraftanlagen durch russische Truppen in der Ukraine auf. "Russisches Volk, ich möchte an dich appellieren: Wie ist das möglich? Schließlich haben wir 1986 gemeinsam gegen die Tschernobyl-Katastrophe gekämpft", sagte er in einer Fernsehansprache.

Biden in Kontakt mit Selenskyj

US-Präsident Joe Biden hatte Russland in der Nacht aufgefordert, die Militäraktionen rund um das AKW einzustellen und Feuerwehrleuten den Zugang zu gewähren. Biden habe mit Selenskyj gesprochen und sich über die Situation informiert, teilte das US-Präsidialamt mit.

Auch der britische Premierminister Boris Johnson sprach mit Selenskyj. Die rücksichtslosen Handlungen von Russlands Präsident Wladimir Putin könnten nun die Sicherheit Europas direkt bedrohen, erklärte Johnson. Er werde eine Dringlichkeitssitzung des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen einfordern.

China: Aufruf zur Vermeidung von Eskalation

China forderte von den Kriegsparteien in der Ukraine, die Sicherheit der Atomanlagen zu gewährleisten. "Wir werden die Situation beobachten und alle Seiten auffordern, Zurückhaltung zu üben, eine Eskalation zu vermeiden und die Sicherheit der betreffenden Nuklearanlagen zu gewährleisten", sagt der Sprecher des Außenministeriums, Wang Wenbin, bei einem täglichen Briefing.

Das stillgelegte Atomkraftwerk Tschernobyl rund 100 Kilometer nördlich der Hauptstadt Kiew haben die russischen Streitkräfte bereits unter ihre Kontrolle gebracht.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 Extra am 04. März 2022 um 09:55 Uhr.