Das Gebäude One WTC in New York

Amthor-Affäre Was steckt hinter Augustus Intelligence?

Stand: 17.06.2020 08:51 Uhr

CDU-Politiker Amthor stolpert über seine Beziehung zu einer New Yorker Firma, die mit Künstlicher Intelligenz handelt. An Augustus Intelligence sind etliche Größen der deutschen Politik und Wirtschaft beteiligt.

Von Antje Passenheim, ARD-Studio New York, und Marcus Schuler, ARD-Studio Los Angeles

Mit ihrem Startup segeln sie bislang lieber unterm Radar. Doch ihre Adresse haben sie über den Wolken: hoch über dem Finanzdistrikt an der Südspitze von Manhattan. Der Hauptsitz von Augustus Intelligence hat eine fast heilige Hausnummer: One World Trade Center. Im 77. Stock des höchsten Gebäudes der USA thront das junge Unternehmen, das sich nach dem römischen Kaiser nennt. Und dessen Initialen AI identisch sind mit der Abkürzung für Artificial Intelligence: Künstliche Intelligenz.

Was genau die Ware von AI ist - darüber gibt sich das Unternehmen auch auf seiner Website eher kryptisch. Klar ist nur: Es geht um Künstliche Intelligenz. Um maschinelles Lernen. In Stellenanzeigen heißt es, Augustus Intelligence arbeite an "sicheren KI-Tools, die die Frustration alltäglicher Entscheidungen für Menschen und Unternehmen überall beseitigen".

One World Trade Center
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Das One World Trade Center in New York: Hier soll Augustus Intelligence seinen Hauptsitz haben.

Deutscher an der Spitze des Unternehmens

Führender Kopf des Startups ist der 33-jährige Deutsche Wolfgang Haupt. Mitgründer des Unternehmens ist Pascal Weinberger. Der gebürtige Frankfurter gilt laut Forbes als "Wunderkind" auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz.

Die Recherche nach Augustus Intelligence ist eine Geschichte voller Ungereimtheiten. Vieles ist eher ungewöhnlich: Die Firma wurde zum Beispiel im US-Bundesstaat Delaware registriert. Das ist nicht nur eine Adresse, um Steuern zu sparen. Delaware wird auch von vielen Firmen genutzt, um sich eine Briefkasten-Adresse zuzulegen.

Angestellte schwer auffindbar

Wer auf dem Berufe-Netzwerk LinkedIn nach Mitarbeitenden des angeblich aufstrebenden Startups sucht, findet dort lediglich eine einzige Angestellte, die in Paris lebt und als "Chief Business Officer" bei dem Unternehmen arbeitet.

Zuvor war die Frau in leitender Funktion beim französischen Ableger des Unternehmensberaters Roland Berger tätig. Bekannt ist auch, dass der aus Frankreich stammende Unternehmensberater Charles-Édouard Bouée als "Verantwortlicher Präsident für Geschäftsangelegenheiten" fungiert. Zuvor war er Chef der Unternehmensberatung Roland Berger.

Gesichts-, Objekt und Spracherkennung als Geschäftsfelder?

Im "Spiegel" erklärte Augustus Intelligence, in den USA Rechenzentren zu betreiben und Software zur Gesichts- und Objekterkennung anbieten zu wollen. Das "Handelsblatt" berichtet, die Firma soll ebenso geplant haben, im Bereich der Spracherkennung tätig zu werden.

Dass sich keiner der angeblich 79 weiteren Mitarbeitenden bei LinkedIn findet, ist bei einem Unternehmen mit diesen exponierten Geschäftsfeldern eine weitere Ungereimtheit. Gerade wer in diesem Markt arbeitet, zeigt das normalerweise in seinem Job-Profil an und nennt auch den Arbeitgeber. Im Silicon Valley, wo besonders aktiv im Bereich der Künstlichen Intelligenz geforscht und gearbeitet wird, gehört das LinkedIn-Profil zum Standard.

Selbst Unternehmen wie Palantir, das für Polizeibehörden und das US-Verteidigungsministerium arbeitet und Überwachungssoftware herstellt, ist mit mehr als 2400 aktiven oder ehemaligen Mitarbeitenden bei LinkedIn vertreten. Von Augustus Intelligence aber gibt es da fast keine Spur.

Spur führt zu Guttenberg

Der Sitz des Unternehmens ist in den USA, doch das führende Personal setzt sich aus Deutschen zusammen und will auch in Deutschland investieren. Da passte es gut, dass einem New Yorker Unternehmensregister zufolge auch ein bekannter deutscher Nachbar - zumindest vorübergehend - sein Büro im One World Trade Center hatte: der ehemalige Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg mit seiner Beratungs- und Investmentfirma "Spitzberg Partners". Guttenberg besitzt nicht nur Anteile an Augustus Intelligence. Er war noch im März auf der Website des Startups als Präsident aufgeführt - als "President in charge of General Affairs“. Das Impressum ist inzwischen von der Website verschwunden.

In einem Bericht des "Spiegel" taucht außerdem mehrmals der ehemalige Chef des Bundesamts für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, auf. Medienberichte sprechen von weiteren Größen aus der deutschen Wirtschaft und Politik. Die große Frage ist, warum Augustus Intelligence die Nähe zu ihnen sucht oder sie zu ihm. Dabei bleibt das Unternehmen sonst  völlig unter der Oberfläche. Berichte in US- Wirtschaftsmedien oder Startup-Blogs gibt es nicht. Und das, obwohl das KI-Unternehmen durchaus solide Finanzierungserfolge  vorzeigen kann.

Existiert Augustus Intelligence überhaupt?

Vor allem in sozialen Medien kursiert die Frage: Existiert die Firma tatsächlich? Oder handelt es sich vielleicht um eine Briefkastenadresse, unter der auf dubiose Art Geld vermehrt wird? Augustus Intelligence war zunächst für eine Antwort nicht erreichbar.

'Es gibt diese Firma tatsächlich", sagt hingegen ein ehemaliger Geschäftspartner von Augustus Intelligence der ARD. Er und einer seiner Mitarbeiter seien mehrfach in dem Büro im One World Trade Center ein- und ausgegangen. "Wie eine Briefkastenfirma sah das ganz und gar nicht aus." Ein stylisches, belebtes Büro mit Startup-Mentalität, vielen Tischen und großen Computern. "Das wäre sehr viel Aufwand für eine Mimikri gewesen."

Dazwischen auch immer Co-Gründer Pascal Weinberger in Shorts und Flip-Flops. "Als Mozart der AI" gilt der 23-Jährige, als "Wunderkind der Künstlichen Intelligenz". Der Frankfurter ist ein Ex­perte für Theoretische Neurowissenschaften und Maschinelles Lernen. Er leitete bereits die KI-Forschung und -Entwicklung des Telekommunikationskonzerns Telefónica in Barcelona. Dort forschte Weinberger nach neuen Wegen im Maschinellen Lernen - mit dem Ziel, einfühlende Software zu entwickeln. Weinberger absolvierte schon mit 15 Jahren Fernkurse in Programmierung am Bostoner MIT. Sein Bachelor-Studium brach er ab und arbeitete bei Google X für die Brain Group.

Berührungspunkte mit vielen Ex-Verteidigungspolitikern und Geheimdienstlern

"Pascal ist ein begnadeter Fundraiser", sagen viele, die ihn kennen. Und ein Investor sagt der ARD: "Er hat sich ein dichtes Netzwerk von Investoren aufgebaut. Pascal ist speziell in der Szene deutscher Familienunternehmen so gut verdrahtet, dass es ihm leicht fällt, ruckzuck hohe Summen zusammen zu bekommen." Und das für ein Gebiet, auf dem gerade Goldgräberstimmung herrscht.

Und ein Gebiet, mit dem ehemalige Verteidigungspolitiker und Geheimdienstleute einige Berührungspunkte haben. Die Gruppe um zu Guttenberg kenne sich eben gut. "Vielleicht", sagt der Insider aus Manhattan, "liegt darin die einfache Antwort auf die Frage: Was macht Augustus Intelligence so attraktiv für konservative deutsche Politiker?"

Wer ist die New Yorker Firma, über die Philipp Amthor stolperte?
Antje Passenheim, ARD New York
17.06.2020 10:14 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 17. Juni 2020 um 06:05 Uhr.

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