Eine erwachsene Zikade fliegt aus einer Kleeblüte. | dpa

Zikadenpopulation "Brood X" taucht an der US-Ostküste auf

Stand: 29.05.2021 16:38 Uhr

Freude bei Insektenforschern: Die Zikadenpopulation "Brood X" ist aus dem Boden gekrochen und besiedelt den Osten der USA. Die Tiere sind in Bäumen, auf dem Rasen und Gehwegen zu finden - und auch auf der Speisekarte.

Von Claudia Sarre, ARD-Studio Washington

Ein Park in Washington DC: Die Hitze von fast 30 Grad ist gewaltig, aber noch gewaltiger ist der Lärm. Fast wie ein Raumschiff, das landet. 80 bis 100 Dezibel - die Lautstärke eines vorbeifahrenden Motorrads oder Düsenflugzeugs, sagt Michael Raupp, Insektenforscher an der University of Maryland.

Claudia Sarre ARD-Studio Washington

Wenn man genauer hinschaut, sieht man sie überall sitzen: dunkelbraune, bis zu fünf Zentimeter große Insekten mit roten Facettenaugen, durchsichtigen Flügeln, Fühlerborsten und Saugrüssel. Auf Bäumen und Büschen. An Hauswänden, auf Parkbänken, Gartenmöbeln und Fußmatten. Trillionen. Eine wahre Zikaden-Invasion in insgesamt 15 Bundesstaaten zwischen Georgia und New York State.

"In Washington DC haben wir definitiv den Höhepunkt erreicht. Das Spektakel wird sicher noch eine oder zwei Wochen dauern. Und dann wird das Zikadenaufkommen sich verringern", so Raupp.

Eine Zikade befreit sich von ihrer Nymphenhülle. | dpa

Eine Zikade befreit sich von ihrer Nymphenhülle. Bild: dpa

Alle 17 Jahre wiederholt sich das Spektakel

17 Jahre hat die Zikadengeneration Brood X - auf Deutsch "Brut Zehn" - unter der Erde gelebt und sich vom Saft der Baumwurzeln ernährt. Über der Erde leben sie nur ein paar Wochen. Nachdem die Larven ihre Panzer abgestreift haben, klettern sie hoch in die Bäume, um sich dort zu paaren.

Dort entsteht auch der Lärm: Beim Werben um das Weibchen benutzt der Zikadenmann seine Trommelorgane am Hinterleib, erklärt Insektenforscher Raupp: "Im Baumwipfel geht es dann um Romantik und Liebe. Die männlichen Zikaden singen so laut sie können, um die Weibchen zu überzeugen, dass sie die Mutter seiner Nymphen sein soll."

Nach erfolgreicher Paarung legen die Weibchen Eier. Nach sechs Wochen schlüpfen die Larven, fallen zu Boden und vergraben sich für weitere 17 Jahre im Erdreich. Warum sich die Insekten so viel Zeit lassen, ist noch nicht gänzlich erforscht. Angeblich tricksen sie damit ihre Fressfeinde aus und sichern dadurch ihr Überleben. Kein Vogel oder Eichhörnchen kann innerhalb weniger Wochen Trilliarden Zikaden auffressen.

Die nächste Generation kommt 2038

Apropos: Brood X werden auch von Menschen verzehrt. Insektenköche verwenden sie für Paella, Pizza oder für Sushi. Koch Tobias Padovano aus Leesburg, Virginia, füllt seine mexikanischen Tacos mit gebratenen Zikaden, wie er erzählt: "Wir gehen raus und sammeln sie lebendig ein. Wir kochen und trocknen sie über Nacht im Ofen, damit sie schön knusprig werden. Und wenn jemand sie bestellt, dann braten wir sie mit Zwiebeln, Knoblauch und Chili."

Spätestens Ende Juni ist der Spuk vorbei. Dann müssen Insektenliebhaber bis 2038 warten, bis die nächste Zikadengeneration auftaucht.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 29. Mai 2021 um 16:00 Uhr.