Laureano Ortega Murillo, Sohn des Präsidenten von Nicaragua, und Chinas Außenminister Ma Zhaoxu. | AP

USA und China Ringen um Einfluss in Zentralamerika

Stand: 08.01.2022 15:09 Uhr

Lange nahmen die USA ihren Einfluss auf Mittelamerika für selbstverständlich. Das rächt sich nun: China verteilt dort Geschenke und nimmt die Staaten gegen Taiwan ein - eine Strategie, die laut Experten aufgeht.

Von Marc Dugge, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Ein Rauswurf erster Güte: Anfang Dezember erklärte die Regierung von Nicaragua, dass sie ab sofort nicht mehr Taiwan, sondern die Volksrepublik als alleinige Vertretung von China anerkennt. Die Diplomaten aus Taiwan mussten umgehend ihre Koffer packen, das Gebäude der Botschaft wurde später beschlagnahmt.

Marc Dugge

Nicaraguas Langzeitdiktator Daniel Ortega rühmt seinen neuen Verbündeten: "Die Volksrepublik China gehört schon jetzt zu den großen Weltmächten. Und schon in wenigen Jahren werden die USA nicht mehr die wichtigste Volkswirtschaft der Welt sein - das sagen Experten in aller Welt! Derzeit sind die USA noch die größte, auf Platz zwei folgt aber bereits China!"

"Nicaragua sucht die Polarisierung"

Diese Worte sollen in US-amerikanischen Ohren schmerzen. Gerade erst ist Ortega durch eine nur scheinbar demokratische Wahl im Amt bestätigt worden. Die US-Regierung hatte das heftig kritisiert - und Sanktionen gegen einige von Ortegas Verbündeten verhängt.

So dürfte sich dessen neue Liebe zu China auch aus der Wut gegen die USA nähren. "Nicaragua sucht die Polarisierung gegen die USA", sagt Politikwissenschaftler Alberto Cortes Ramos. "Es ist ein Versuch, den Kalten Krieg wieder heraufzubeschwören."

Der Kalte Krieg ist seit langem vorbei, doch wieder müssen die USA um ihren Einfluss in Zentralamerika ringen. In Washington sorgt heute nicht mehr die Sowjetunion, sondern China für Unbehagen. Denn die Chinesen arbeiten eifrig daran, ihren Einfluss in der Region immer weiter auszubauen.

China verschenkt Fußballstadien und Masken

China will hier nicht nur bei strategisch wichtiger Infrastruktur mitmischen - etwa beim Bau von Häfen oder Schifffahrtsstraßen. Es will auch das ungeliebte, demokratisch regierte Taiwan diplomatisch komplett isolieren.

Die Strategie gehe auf, sagt die mexikanische Asien-Expertin Marisela Connelly: "Costa Rica hat 2007 Beziehungen zur Volksrepublik aufgenommen und mit Taiwan gebrochen. Panama ebenso. Danach Guatemala und eben Nicaragua. Und wahrscheinlich wird auch Honduras diesem Weg folgen." Heute unterhalten nur noch dreizehn meist kleine Staaten diplomatische Beziehungen zu Taiwan - plus der Vatikan.

Tatsächlich ist China für viele der attraktivere Partner. Das Land ist eine weitaus größere Wirtschaftsmacht als Taiwan und hat viel anzubieten: Ähnlich wie in Afrika verschenkt China auch in Lateinamerika Krankenhäuser, Fußballstadien oder Regierungsgebäude. In der Corona-Pandemie stand das Land auch mit Masken, Impfstoffen und Beatmungsgeräten zur Stelle.

Washington ignorierte die Region

Und was Potentaten wie Ortega freut: China macht Wirtschaftshilfen nicht von Menschenrechten und Demokratie abhängig. "Die USA haben der Region schon seit der Jahrtausendwende zu wenig Beachtung geschenkt. Und das war just der Moment, in dem China begonnen hat, die Beziehungen zu Lateinamerika zu vertiefen", sagt Connelly.

Ex-US-Präsident Donald Trump habe Lateinamerika weitgehend ignoriert - "eine Region, die gezeichnet ist von großen sozialen Problemen, einer wachsenden Kriminalität und einer massiven Migrationsbewegung durch Mexiko in Richtung USA. Die Probleme werden immer drängender."

Der amtierende US-Präsident Joe Biden widme der Region mehr Aufmerksamkeit - und muss nun vieles kitten, was unter Trump kaputt gegangen ist. Auch wegen Trumps aggressiver Rhetorik in Richtung Lateinamerika haben sich viele Staaten der Region von den USA abgewandt. In seiner südlichen Einflusssphäre hat Amerika an Einfluss verloren - für China eine goldene Gelegenheit, Fuß zu fassen. 

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 08. Januar 2022 um 13:30 Uhr.