Dario Chacon | ARD-Studio Mexiko

Venezuela Nachrichten vom Balkon

Stand: 11.02.2021 05:00 Uhr

Angriffe auf kritische Medien gehören in Venezuela zum Alltag. Ein alternatives Medienprojekt will der Zensur etwas entgegensetzen - mit einfachsten Mitteln.

Von Anne Demmer, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Darío Chacón trägt ein kariertes Hemd und eine beigefarbene Hose. Er steht zwischen den Blumentöpfen auf einem Balkon im ersten Stock eines heruntergekommenen Gebäudes in einem Armenviertel von Caracas. Er hält ein Mikrofon in der Hand - und verliest die Nachrichten für die Nachbarschaft.

Anne Demmer

Chacón informiert an diesem Tag über die offiziellen Corona-Zahlen in Venezuela, aber auch darüber, wie die Pandemie-Situation in Europa ist, wo Mundschutz kostenlos verteilt wird, es Englischkurse gibt und wo die Armut im Land derzeit besonders ausgeprägt ist.

Rund um den Balkon haben sich die Nachbarn mit Stühlen vor ihre Häuser gesetzt, hören dem Nachrichtensprecher aufmerksam zu. Chacón gehört zum Team von "Ventana TV" - "Fenster-Fernsehen". "Wir machen das hier wegen der Zensur", sagt er. "Die Zeitungen, die die Leute früher gelesen haben, gibt es nicht mehr. Wir schließen die Lücke. Die Menschen kommen später auf uns zu, fragen nach, es kommt zu einem richtigen Austausch."

Zwei Menschen sitzen vor einer Wand. | ARD-Studio Mexiko

Sich in Hörweite einen Platz suchen und zuhören - auch so kann man in Caracas an unabhängige Nachrichten kommen. Bild: ARD-Studio Mexiko

Informationen auch ohne Smartphone

Es gebe auch Anwohner, die darum bitten, Informationen in die Nachrichten-Sendung aufzunehmen, erzählt Marylin Figuera, die das Manuskript für die Nachrichten vom Balkon vorbereitet. Sie studiert Kommunikationswissenschaften und weiß: "Es gibt Leute, die haben kein Internet, geschweige denn ein Smartphone. Sie können die Informationen nicht einfach so wie wir googeln. Wir stellen Nachrichten für sie zusammen und geben sie weiter."

Der Zugang zu Informationen ist in den letzten Jahren für die Venezolaner immer schwieriger geworden. In der Rangliste der Pressefreiheit, die von der Nichtregierungsorganisation "Reporter ohne Grenzen" jährlich erstellt wird, belegt Venezuela Platz 147 von 180.

Hoher Druck auf unabhängige Medien

Kritische Berichterstattung finde vor allen Dingen im Netz oder in kleinen lokalen regionalen Zeitungen und Radiosendern statt, erklärt die Sprecherin Juliane Matthey. "Die laufen aber immer wieder Gefahr, zumindest vorübergehend geschlossen zu werden oder dass Razzien stattfinden, dass Vertreter verschiedener Behörden vorbeikommen, Equipment beschlagnahmen oder Mitarbeitende festnehmen."

Soziale Medien würden immer wieder abgeschaltet; das habe sich besonders bemerkbar gemacht, als sich der Oppositionsführer Juan Guaidó vor zwei Jahren zum Interimspräsidenten erklärt hatte.

Die Regierung sieht in ihnen "Söldner"

Nach Angaben der venezolanischen Nichtregierungsorganisation Espacio Público mussten allein im Jahr 2020 in Venezuela 17 digitale Medien und 18 lokale Radiostationen schließen. Zuletzt wurden die Redaktionsräume der Zeitung "Panorama" durchsucht und vorübergehend geschlossen. Diverse Online-Medien bezeichnete die Regierung als journalistische Söldner. Sie würden aus dem Ausland finanziert, um Präsident Nicolas Maduro zu stürzen.

Immer wieder werden regierungskritische Journalistinnen und Journalisten unter vorgeschobenen Gründen festgenommen, sagt Matthey. Das sei im letzten Jahr etwa der Fall gewesen, wenn Reporter die katastrophalen Zustände in der Corona-Pandemie kritisierten oder sie über den Lebensmittel- und Benzinmangel berichteten.

Sie würden wegen der Verbreitung von Hassnachrichten belangt, was darunter falle, sei Auslegungssache. "Die meisten von ihnen werden nach wenigen Tagen wieder freigelassen, aber es droht dann immer noch die Gefahr eines Gerichtsverfahrens und es gibt auch immer wieder Beispiele von Journalistinnen und Journalisten, die über Monate inhaftiert werden."

Die Folgen einer Wahl

Die Situation für Medienschaffende habe sich noch einmal zugespitzt, seitdem das sozialistische Parteienbündnis von Maduro auch die Sitze im Parlament dominierte, so die Sprecherin von "Reporter ohne Grenzen".

Für die 58-Jährige Maria Luz sind gerade deswegen die Informationen wichtig, die sie von "Ventana TV" erfährt. "Es gibt in diesem Land keine freie Presse, die Nachrichten werden von der Regierung kontrolliert. Hier erfahren wir zumindest, was um uns herum passiert." Zumindest einmal in der Woche, wenn Darío Chacón die Nachrichten vom Balkon verliest.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 10. Februar 2021 um 15:54 Uhr.